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Ramón González-Arroyo: Toiles en l’air (2008)

Mit Toiles en l’Air versucht sich Ramón González-Arroyo einer klanglichen Utopie anzunähern. Er spannt in seiner Komposition »Segel (aus Klang) in der Luft« auf: Durch die Kombination von spezifischen Lautsprecherkonstellationen und Klangmaterialien versucht er plastische, quasi greifbare Klangobjekte zu erzeugen. Solche Körper aus Schall kann es eigentlich nicht geben: Denn Luft kann nicht von Luft abgegrenzt werden. Und doch macht die Wahrnehmung das Utopische möglich.

Das Erzeugen akustischer Raumillusionen begann mit der Stereophonie (Zweikanal-Tonsysteme): Wenn man aus zwei gleich weit entfernten Lautsprechern dasselbe Signal mit derselben Lautstärke hört, erzeugt dies den Anschein, als komme der Klang aus einer unsichtbaren Schallquelle in der Mitte der beiden Lautsprecher. Lässt man ein Signal mittels Laufzeitverzögerung vom einen zum anderen Lautsprecher wandern, nimmt man eine lineare Bewegung oder auch eine Linie war. Könnten andere Lautsprecherkonstellationen im Raum die Wahrnehmung dahingehend beeinflussen, dass der Eindruck von Klangflächen oder gar Klangkörpern hervorgerufen wird? Toiles en l’Air ist ein Stück für mindestens zwölf Lautsprecher; González-Arroyo hat die Komposition aus seiner auto-generativen Klanginstallation L‘isla des Neumas (2007) für sieben Lautsprecher entwickelt. Mit einer Installation hat Toiles en l’Air jedoch wenig gemeinsam: Alle Zuhörer haben einen fixen Platz und nehmen die Klangereignisse aus ihrer eigenen Perspektive wahr. Die Lautsprecheraufstellung der Premiere von Toiles en l’Air umfasste vier verschiedenartig strukturierte und ineinander verschränkte,auf unterschiedlichen Ebenen befindliche Dreierkonstellationen von Lautsprechern; das Publikum befand sich teils innerhalb, teils außerhalb dieser Lautsprechergruppierungen. Die Lautsprecher spannen einen akustischen Raum auf, in dem gezielt eingesetztes Klangmaterial »verortet« wird; für die Wahrnemung entstehen quasi-physische Klangobjekte, welche sich innerhalb dieses Raums (ver)formen. González-Arroyos plastische Klangobjekte haben mit Pierre Schaeffers »objets sonores« nichts zu tun: »Objets sonores« als Grundbegriff der musique concrète sind technisch fixierte, auf Tonträger aufgenommene Klänge im Gegensatz zu »natürlichen«, originären Schallereignissen.

Karlheinz Stockhausen versuchte schon vor mehr als 50 Jahren mit Orchesterklang Klangkörper zu schaffen. In seinen Gruppen für drei Orchester (1955–57) umgeben drei identische Orchester halbkreisförmig das Publikum; Korrelationen zwischen Instrumentengruppen dieser Orchester sollen den Eindruck von Klangkörpern im Raum entstehen lassen. Um die Ideen einer im Studio entwickelten Raum-Musik im Konzert realisieren zu können, forderte Stockhausen den Bau adäquater Konzertsäle (Musik im Raum, 1958); für die Aufführung elektronischer Musik schwebte ihm ein kugelförmiger, mit Lautsprechern bestückter Raum vor, der 1970 bei der Weltausstellung in Osaka annäherungsweise als Kugelauditorium realisiert wurde.

Damit »Körper aus Schall« wahrnehmbar werden, spielen drei As-pekte eine entscheidende Rolle: die Beschaffenheit des Klangmaterials, die Klangfarbe und die Bewegung der Schallquellen im Raum. Durch die Verschiebung, Überlagerung und Staffelung von Klängen innerhalb der Lautsprecherkonfigurationen können die Grenzen des akustischen Raums abgesteckt und der so entstehende Klang als Körper wahrgenommen werden. Die Klangstrukturen in Toiles en l’Air verwandeln sich durch kompositorische Verfahren in scheinbar greifbare Klangobjekte – so wird aus einer künstlerischen Utopie erlebbare Welt.

Elisabeth Kappel (Jänner 2010)

 

Ramón González-Arroyo: Biographie

Ramón González-Arroyo wurde 1953 in Madrid geboren. Er erhielt seine musikalische Ausbildung am Conservatorio Superior de Música de Madrid und studierte anschließend Komposition bei Luis de Páblo und Carmelo Bernaola. Es folgten Kompositionskurse bei Horacio Vaggione (elektroakustische Musik) und Franco Donatoni. Er besuchte zudem Kurse zur Computermusik am Pariser IRCAM, bei der Groupe de Recherches Musicales (GRM) und am Institut für Sonologie der Universität Utrecht bei Werner Kaegi und Gottfried Michael Koenig. González-Arroyo wirkte als Gastdozent und Forscher am Den Haager Konservatorium. Mit Komponisten wie Gottfried Michael Koenig arbeitete er gemeinsam an verschiedenen Forschungsprojekten, insbesondere auf dem Gebiet der computerunterstützten Komposition und der musikalischen Steuerung von Klangsynthese. Am Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) entwickelte er gemeinsam mit Gerhard Eckel das Kompositionsenvironment Foo. González-Arroyos Werke umfassen rein elektroakustische Stücke (Dorian, dMnStR), Kombinationen von Instrumenten und Tonband (Interiors für zwei Soprane, Triptico für Klarinette, De la Distance für Kontrabass) und reine Instrumentalwerke (Wind Quartet, Solo en Movimiento, Clockwork für Ensemble). Seine Kompositionen wurden auf verschieden internationalen Festivals wie dem Bartók Festival, Wien Modern, Multiphonies, Musiques en Scène, Multimediale oder Inventionen Berlin aufgeführt.