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Takehisa Kosugi: Micro 1 (1961)

»MICRO 1: Wrap a live microphone with a very large sheet of paper. Make a tight bundle. Keep the microphone live for another 5 minutes.«

Diese Aufführungsanweisung Kosugis klingt vermeintlich simpel, nicht jede Realisierung gelingt aber: Ein komplexes Gefüge von Bedingungen nimmt darauf Einfluss.

Vieles hängt vom gewählten Papier ab: Die vage Anweisung »a sheet of paper« inkludiert alle Sorten von Papier: Butterbrotpapier, Packpapier, Zeitungspapier … Der Gebrauch von Stanniolpapier beispielweise würde zu einem völlig anderen klanglichen Ergebnis führen als Cellophanpapier, welches für die Realisierungbei signalegraz 0001 verwendet wird. Auch das Wie des Bündelns ermöglicht interpretatorischen Spielraum: Kein Blatt Papier – auch nicht derselben Sorte – verhält sich wie das andere, bietet den gleichen Widerstand, bildet die gleichen Falten und Verformungen, die nach dem Loslassen für die Klangentwicklung ausschlaggebend sind.

Einen wesentlichen Einfluss auf die klangliche Erscheinung von Micro 1 hat die zu seiner Aufführung eingesetzte technische Ausrüstung; bei signalegraz 0001 kommt ein vom Institut für Elektronische Musik und Akustik im Mumuth eingerichtetes und auf dem Ambisonics-Prinzip basierendes Raumklangsystem zur Anwendung. Für die räumliche Übertragung der Papiergeräusche wird ein spezielles Mikrophon verwendet, welches die räumlichen Ausprägungen eines Schallfeldes mittels vier Mikrophonkapseln zu übertragenvermag. Das so gewonnene vierkanalige Signal wird dann so aufbereitet, dass das räumliche Schallfeld über die in Kuppelform angeordneten Lautsprecher des György-Ligeti-Saals reproduziert werden kann. Auf diese Weise hört man die Geräusche des Papiers so, als ob man selbst an Stelle des Mikrophons säße und von Papier umhüllt wäre. Abhängig von der Positionierung des Mikrophons und der Lautsprecher sowie vom verwendeten Papiertyp und der Art des Zusammenknüllens muss das aufgenommene Signal auch noch durch Filterung klanglich angepasst werden. Um möglichst viele klangliche Details der Papierbewegungen übertragen zu können, erfolgt die Verstärkung nahe an der Grenze zur Rückkopplung, was der Situation eine besondere Spannung verleiht und den Raum zum »akustischen Brennglas« macht.

Kosugis Micro 1 ist eine Fluxuskomposition. »Fluxus« ist eine experi-mentelle Kunstrichtung der 1960er und 70er Jahre, eine Form der Aktionskunst, in der akustische, choreographische und musikalische Ausdrucksformen kombiniert werden. Die von John Cage 1952 amBlack Mountain College in Leben gerufenen multimedialen »Events« gaben einen wichtigen Anstoß für die Entstehung der Fluxusbewe-gung. Bei diesen Events agierten Künstler aus unterschiedlichen Sparten in vorgegebenen Zeitspannen, dabei konnte jedes Ereignis Teil der Aufführung werden. George Maciunas, ein Mitbegründer der Bewegung, sieht die Aufgabe einer Künstlerin/eines Künstlers im Schaffen eines minimalistischen Konzepts, auf dessen Ausformung er/sie jedoch keinen Einfluss nimmt und welche er/sie ganz der Interpretation überlässt. In »Fluxus-Konzerten« kann jedes Objekt zum Klanginstrument werden – selbst ein Blatt Papier (plus elektroakustisches Dispositiv) wie in Micro 1.

Neue Notationsformen für diese Art der Aktionskunst bildeten sich ab 1950 durch die New York School of Composers um John Cage, Morton Feldman, Earle Browne und Christian Wolff. Häufig sind solche Formen der Notation graphischer Art, wie z. B. Feldmans Projection 1 (1950) oder Cages Variations I (1958). Die Unbestimmtheit des klanglichen Resultats und die Entscheidungsfreiheit der Interpretin/des Interpreten stehen dabei im Mittelpunkt.

Verbalpartituren wie Kosugis Micro 1 stellen eine weitere Art der Notation von Fluxus-Events dar. Marcel Duchamp war mit Sculpture Musicale (vermutlich 1913) der erste, der eine Verbalpartitur verfasste: »sons durant et partant de différents points et formant une sculpture sonore qui dure«. Auch Komponisten wie György Ligeti und Steve Reich verfassten Verbalpartituren (Ligeti: Poème Symphonique, 1962 für 100 Metronome; Reich: Pendulum Music, 1968 für drei oder vier Mikrophone, Verstärker und Lautsprecher). Luc Ferrari, Gründungsmitglied der Groupe de Recherches Musicales (GRM) und Vertreter der sogenannten musique anecdotique, schrieb ebenfalls Musik auf der Basis von verbalen Anweisungen (z. B. Société I, 1965), jedoch waren diese für musikalische Laien gedacht. Solche Verbalpartituren lassen ein näher bestimmtes Ergebnis offen; im Gegensatz dazu stehen ausführliche verbale Anweisungen als Ergänzung zur traditionellen Notation wie z. B. in Ligetis Volumina (1962), die dazu dienen, die vom Komponisten gewünschten Resultate zu verstehen und zu erreichen.

Bei Stücken wie Kosugis Micro 1 setzt die Komposition einen Zufallsprozess in Gang: Man kann im Vorhinein nicht abschätzen, was genau dabei wann passiert. Das Material ist bestrebt, in seinen »ungebündelten« Ausgangszustand zurückzukehren, sich der er-zwungenen Veränderung zu widersetzen: Verformungen des Papiers, meist für das Publikum unsichtbar, verursachen überraschende Klangereignisse. Diese Ereignisse sind Teil eines Prozesses, der Erwartungen weckt: Am Anfang sind diese wenig konkret, gewinnen aber schnell an Struktur, werden jedoch immer wieder durch Überraschungen in Frage gestellt – der hörbare Prozess drückt das aus, was das offene Konzept Kosugis vermittelt: Unbestimmtheit, Kontingenz.

Elisabeth Kappel (Jänner 2010)

 

Takehisa Kosugi: Biographie

Takehisa Kosugi wurde 1938 in Tokio geboren. Er studierte an der Tokyo University of Arts Musikwissenschaften. Während dieser Zeit begann Kosugi mit Improvisation. 1960 mitbegründete Kosugi die Group Ongaku, mit der er erste Happenings und Events in Tokio veranstaltete. Kosugis Event-Stücke wie Micro 1 (1961), Anima 7 (1964) oder South No. 3 (1965) stehen in Zusammenhang mit der Fluxusbewegung der 1960er Jahre, bei der jede Art von Handeln und jedes Objekt Teil der Aufführung werden konnte. Mit der Group Ongaku führte Kosugi erstmals Werke von Komponisten wie John Cage, Christian Wolff und Morton Feldman in Asien auf. 1969 war Kosugi Mitbegründer des Ensembles Taj Mahal Travellers, das medienübergreifende Kollektiv-Improvisationen veranstaltete. Seit 1977 arbeitet Kosugi neben John Cage und David Tudor mit der Merce Cunningham Dance Company zusammen, deren musikalischer Leiter er seit 1995 ist. Kosugi schrieb auch elektroakustische und live-elektronische Musik wie z. B. Cycles (1981) oder Spectra (1989). Kosugi trat bei zahlreichen internationalen Festivals auf, seine Klanginstallationen wurden bei vielen Ausstellungen und Festivals präsentiert. 1966 und 1977 erhielt Kosugi Stipendien des JDR 3rd Fund, 1981 führte ihn ein DAAD-Stipendium nach Berlin. 1994 wurde Kosugi mit dem John Cage Award for Music der Foundation for Contemporary Performance Arts ausgezeichnet.