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György Ligeti: Artikulation (1958) 

»Husten«, »Bellen«, »Niesen« – so benennt György Ligeti einige Elemente seiner Komposition Artikulation. Mit aufgezeichneten Alltagsgeräuschen wie etwa in Denis Smalleys Empty Vessels hat Ligetis Stück jedoch nichts zu tun: Diese assoziativen Begriffe bezeichnen Typen von Rauschen und Tongemische ausschließlich elektronisch generierter Klänge. Die Affinität verschiedener elektronischer Klänge zu Sprache veranlasste Ligeti zur Komposition dieses »imaginären Gesprächs«: Artikulation ist diejenige einer »künstlichen Sprache« – Frage und Antwort, hohe und tiefe Stimmen, polyglottes Reden und Dazwischenreden, Affekt und Humor, Plappern und Tuscheln. Ligeti imitiert jedoch keine tatsächliche Sprache: Der Sprachcharakter von Artikulation stellt sich als Ergebnis der Komposition ein.

Artikulation entstand während Ligetis Aufenthalt im Studio für elektronische Musik des WDR Köln (1957–58), unter der Mitwirkung von Gottfried Michael Koenig und Cornelius Cardew. Darüber hinaus fertigte Ligeti nur zwei weitere elektronische Stücke an: Glissandi (1957) und das fragmentarische Pièce electronique Nr. 3 (1957–58). Nach dem Aufenthalt im Kölner Studio komponierte Ligeti ausschließlich instrumentale und vokale Stücke, für welche er die Erfahrungen im elektronischen Studio als unentbehrlich ansah. So profitierten besonders die Orchesterstücke Apparitions (1958–59) und Atmosphères (1961), in denen Ligeti mit Klangflächen komponierte, von den Einsichten der Studioarbeit.

Eine umfassende theoretische Auseinandersetzung mit Phonetik war für Ligeti Ausgangspunkt für die Realisierung von Artikulation; Analysen von gesprochenen Sprachen (insbesondere was den stimmhaften und den Geräuschanteil von Phonemen betrifft, die Ein- und Ausschwingvorgänge bei Plosivlauten sowie die Dauernverhältnisse zwischen Vokalen und Konsonanten) betrachtete Ligeti als Grundlage für die Herstellung künstlicher Laute, Vokale, Konsonanten und Silben aus elektronischen Grundbestandteilen. 42 ausgesuchte Materialien (Sinustöne, harmonische und subharmonische Spektren, Rauschtypen, verschiedene Formen von Impulsen etc.) fertigte Ligeti nach einem vorgegebenen Konzept, das Tonhöhe, Dauer, Dynamik und Struktur umfasste, und nahm sie auf Tonband auf: Diese kurzen Tonbandstücke – sogenannte »Laute« – bilden die klangliche Grundlage von Artikulation.

Laute – Texte – Wörter – Sprachen – Sätze – Artikulation. Ein System von Schachteln ist Basis für die weitere Entwicklung von Artikulation: Die »Laute« werden unabhängig von ihrer Entstehungsweise in diesen Schachteln nach Klangtypen, Tonhöhen, Dauern und Lautstärken geordnet. In weiterer Folge zieht Ligeti die nach gemeinsamen klanglichen Eigenschaften sortierten »Laute« wahllos aus den Schachteln und klebt sie zu zehn unterschiedlich langen Tonbändern – »Texten« – zusammen. In einem nächsten Schritt schneidet er aus den »Texten« für sein Konzept geeignete »Wörter« heraus und modifiziert sie (durch Transposition, Krebsgang, Mischung, Verhallung, Ringmodulation, Dynamikveränderung); aber auch ganze »Texte« werden von Ligeti zunächst weiter verarbeitet und erst danach in »Wörter« zerlegt.

Die »Wörter« werden wie zuvor die »Laute« in Schachteln aufgeteilt – diesmal nach Texttypen, Dauer und Dichte der Wörter, durchschnittlicher Tonhöhe, durchschnittlicher Lautstärke und Ringmodulation geordnet – und zu »Sprachen« zusammengeklebt. Ein letztes Mal zerschneidet Ligeti die Tonbänder, dabei prüft er wieder die Brauchbarkeit für sein Konzept: Auf diesem Weg gelangt er zu »Sätzen«, die er teilweise wieder weiter verarbeitet und danach erneut in Schachteln verteilt. Die Anordnung der Schachteln gibt die Reihenfolge vor, in welcher die »Sätze« aneinandergefügt werden, und entspricht letztendlich der formalen Anlage von Artikulation.

Artikulation vereint ästhetisch unterschiedliche Kompositionsmethoden – empirisch, seriell, aleatorisch: »Ungeeignete« Materialien werden durch wiederholtes Abhören während des Kompositionsprozesses aussortiert, ein prädeterminiertes Schachtelsystem dient zur Ordnung des Materials, die Reihenfolge der aus den Schachteln gezogenen Bandstücke ist dem Zufall überlassen. Am Ende eines vielschichtigen Arbeitsprozesses steht Artikulation als aufwendig produziertes Tonbandstück: Nun verbleibt nur noch, einer Konversation zwischen vier Lautsprechern zu lauschen, die manchmal amüsant, bisweilen ernst, mitunter sogar bedrohlich, und dabei immer spannend ist.

Elisabeth Kappel (Jänner 2010)

 

György Ligeti: Biographie

György Ligeti wurde 1923 als Sohn ungarischer Eltern in Dicsoszentmárton (heute Târnaveni), Rumänien geboren. 1941–43 studierte er am Klausenburger Konservatorium bei Ferenc Farkas Orgel, Violoncello und Musiktheorie und nahm privaten Kompositionsunterricht bei Pál Kadosa in Budapest. 1945–49 setzte Ligeti seine Studien am Budapester Konservatorium fort, zunächst bei Sándor Veress, später bei Pál Járdányi und Ferenc Farkas; anschließend lehrte Ligeti dort Musiktheorie. 1956 floh Ligeti zuerst nach Wien, dann weiter nach Köln, wo er auf Einladung von Herbert Eimert 1957–58 als freier Mitarbeiter und Assistent von Gottfried Michael Koenig im Studio für elektronische Musik des WDR tätig war. Ab 1959 lehrte Ligeti bei den Internationalen Ferienkursen in Darmstadt und gab zahlreiche Kompositionskurse in ganz Europa. Mit den »mikropolyphonen« Orchesterwerken Apparitions (1958–59) und Atmosphères (1961) gelang Ligeti der Durchbruch als Komponist. Weitere bekannte Kompositionen wie Poème Symphonique (1962) für 100 Metronome, Continuum (1968) für Cembalo und die Oper Le Grand Macabre (1974–77) unterstreichen seine Vielseitigkeit. 1972/73 war Ligeti Composer-in-Residence an der Stanford University; seit 1973 war Ligeti Professor für Komposition an der Staatlichen Hochschule für Musik in Hamburg, wo er 1989 emeritiert wurde. Ligeti wurde durch zahlreiche Auszeichnungen gewürdigt, 1989 ernannte ihn die Kunstuniversität Graz zum Ehrenmitglied. 2006 verstarb er in Wien.