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Denis Smalley: Empty Vessels (1997) 

Empty Vessels: Leere Gefäße – hier große Tontöpfe von der Insel Kreta und ein Olivenglas aus der Türkei – und die Resonanzen ihrer Innenräume sind Ausgangspunkt dieser Komposition von Denis Smalley. Die Aufnahmen der in den Gefäßen resonierenden Luft entstanden im nördlich von London gelegenen Garten des Komponisten. Aus der Wechselwirkung der »Gartenklänge« mit dem Filtereffekt der resonierenden Gefäße ergeben sich Veränderungen der Klangfarben; diese »natürlichen« Transformationen erweiterte Smalley mittels Computerbearbeitung. Der Gartenklang wurde durch Aufnahmen derselben Umgebung, ohne die Filterwirkung der leeren Gefäßeergänzt. Nahezu unverändete Gartenstimmung am Beginn von Empty Vessels bereitet auf die folgende Klangkomposition vor: Gefährlich knisterndes Feuer, welches sich bald als Regen herausstellt,der wiederum an anderer Stelle über beruhigende Wirkung verfügt; ein aus einer einzelnen harmlosen Fliege entstandener bedrohlicherBienenschwarm, der im Innern des Gefäßes scheinbar Zuflucht vor dem herannahenden Gewitter und den Mini-Detonationen der Regentropfen sucht; Donner, der sich in ein herannahendes Flugzeug verwandelt; glockenähnliche Resonanzen, die an frühere Zeiten erinnern, in denen das Läuten der Kapellenglocke die Bewohner des Bergdorfes nach einem Unwetter zusammengetrommelt hat, um zu sehen, ob jemand zu Schaden kam …

Smalleys Arbeitsweise mit alltäglichen Klängen geht auf seine Studienzeit in Paris zurück (1971–72), während der er einen Kurs zur elektroakustischen Komposition bei der Groupe de Recherches Musicales (GRM) besucht hatte. Pierre Schaeffer und Luc Ferrari, zwei der Gründungsmitglieder der GRM, traten für zwei unterschiedliche ästhetische Auffassungen der Komposition mit Alltagsgeräuschen ein: Luc Ferrari stand für die musique anecdotique, in der die Assoziation mit Umweltgeräuschen wie in Smalleys Empty Vessels in der Komposition intendiert ist; Pierre Schaeffer hingegen – als Vertreter der musique concrète – störte (während des Kompositionsprozesses) die Assoziation von Klängen mit ihrem Ursprung. Empty Vessels ist eine akusmatische Komposition. »Akusmatisch« nennt man Musik, die eigens dafür komponiert wird, über Lautsprecher wiedergegeben zu werden. Der Begriff geht auf Pythagoras’ Bezeichnung »akousmatikoi« (»Zuhörer«) zurück, mit der er jenen Teil seiner Schüler benannte, die ihm hinter einem Vorhang sitzend zuhörten – ohne Sichtkontakt mit ihrem Lehrer, um sich ohne Ablenkung auf das Wesentliche konzentrieren zu können. Die akusmatische Aufführungstradition verlangt die Live-Verräumlichung und Interpretation durch eine/n Klangregisseurin/Klangregisseur am Mischpult und vermittels eines »Lautsprecherorchesters«.

 

Die idyllische Stimmung am Beginn von Empty Vessels erinnert an den in asiatischen Religionen praktizierten »empty vessel approach«, durch den innerer Frieden erreicht werden soll, um sich ganz auf das Geschehen einlassen zu können. Von dieser einleitenden Idylle entfernt sich Empty Vessels immer mehr – am Ende existiert nur noch die gongartige Resonanz des Beginns: Die anfänglich kaum beeinflusste Gartenszenerie löst sich in ihre urzuständlichsten Bestandteile auf, in Klänge, die nur scheinbar nicht von ihr abstammen.

Elisabeth Kappel (Jänner 2010)

 

Denis Smalley: Biographie

Denis Smalley wurde 1946 in Nelson, Neuseeland geboren. Smalley studierte Komposition an der University of Canterbury und der Victoria University in Wellington. Als Konzertorganist führte er Orgelwerke von Olivier Messiaen und György Ligeti erstmals in Neuseeland auf. 1971–72 studierte er am Pariser Konservatorium bei Messiaen und gleichzeitig elektroakustische Musik bei der Groupe de Recherches Musicales (GRM). Smalley promovierte an der University of York in England und lehrte seit 1976 an der University of East Anglia in Norwich. Seit 1994 ist er Professor für Musik an der City University London. Smalley wurde mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet, so z. B. mit dem Prix Ars Electronica (1988) für seine Komposition Clarinet Threads und dem Bourges-Preis (1977, 1983, 1992). Smalley komponiert hauptsächlich akusmatische Musik, welche für die Wiedergabe über Lautsprecher bestimmt ist. Neben rein elektroakustischen Kompositionen (z. B. Pentes, 1974; Base Metals, 2000) kombiniert Smalley in anderen Arbeiten elektroakustische Klänge auch mit Instrumenten und Stimme (z. B. Pneuma, 1976, rev. 1981; Clarinet Threads, 1985). Smalley zählte zu den ersten Komponisten, die sich für mehrkanalige Klangprojektion engagierten; er prägte den Begriff »spectromorphology«, mit welchem er die auditive Wahrnehmung elektroakustischer Musik beschreibt und analysiert (Spectromorphology: Explaining Sound-Shapes, 1997).