signale graz 0001 

Barry Truax: Riverrun (1986) 

Zuerst erschienen in: 3' 33'', Zeitung des Netzwerk Neue Musik, März 2009, Seite 6

Riverrun. Kurze, kaum wahrnehmbare Klangschnipsel eröffnen die Komposition, werden verdichtet, beschleunigt, und bilden schließlich eine Tropfentextur, einen Regen, ein Rinnsal. Nach und nach treten immer mehr Partikelströme hinzu, bilden neue Ebenen, bevor auch sie mit dem Gesamtklang verschmelzen – ein reißender, mächtiger Fluss ist entstanden. Dann bricht die Entwicklung plötzlich ab und beginnt von neuem. Gleichzeitig tritt ein bedrohlich tieffrequenter, flächiger Klang hinzu, der unangreifbar und statisch scheint, jedoch permanent in Bewegung bleibt.

Riverrun: Ist diese naheliegende, aber doch etwas naiv anmutende Assoziation eines Naturschauspiels tatsächlich gemeint? Es spricht einiges dafür: Der kanadische Komponist Barry Truax ist Gründungsmitglied des World Soundscape Project um R. Murray Schafer, in dem seit den späten sechziger Jahren die akustische Umwelt des Menschen untersucht wird. Soundscape-Kompositionen arbeiten daher oft mit aufgenommenen, realen Klängen. Allerdings wird hier nicht das assoziationsfreie Hören der musique concrète gefordert. Nicht der Klang »an sich« steht im Mittelpunkt, sondern vielmehr der anthropologische Reflex, den der künstlerisch eingesetzte Alltagsklang provoziert.

In Riverrun allerdings spielen keine Regentropfen, Gebirgsbäche oder Wasserfälle, sondern ausschließlich rein synthetische Klänge. Barry Truax hat 1986 als Erster die Echtzeit-Granularsynthese implementiert, mit der er diese Komposition realisierte.

Das aufwendige Klangsyntheseverfahren setzt kleine Klangschnipsel, sogenannte Grains, zu mehr oder weniger dichten Texturen zusammen, wobei die Klangeigenschaften jedes Grains einzeln manipuliert werden. Brauchte ein Computer für die Berechnung derart komplexer Klänge zuvor noch mehrere Stunden oder Tage, so konnte Barry Truax mit seinem System über 2000 Grains pro Sekunde erzeugen und gleichzeitig wiedergeben. Die Klangästhetik der frühen Granularsynthese ist Riverrun unverkennbar eingeschrieben. Wie viele andere Kompositionen der Computermusik ist dieses Stück damit auch prototypisch, nahezu »anekdotisch«, hinsichtlich der technologischen Entwicklungen, die es ermöglicht haben.

Der Titel Riverrun zitiert aber auch das erste Wort aus dem letzten Roman von James Joyce, Finnegans Wake. Ein Werk, in dem Joyce eine eigene Sprache prägt und das sich daher einer linearen Interpretation entzieht – vielmehr sei seine Bedeutung im Sinne eines sound sense zu suchen.

Diese oft zitierte Relation zur Akustischen Kunst, die ebenfalls nur über das Hören »lesbar« wird, kann hier auch handwerklich verstanden werden: So wie Joyce aus Wortschnipseln verschiedenster Herkunft klingende Sprachgebilde erschafft, so verschmelzen die elementaren Grains in Barry Truax’ Komposition erst durch ihre dichte zeitliche Anordnung zu assoziativ wirksamen Texturen, die sich auch mit wenig Hörerfahrung in diesem Genre leicht erschließen. Dennoch bleibt das Stück formal und klanglich abstrakt, seine Anmutung ist von bestechender Radikalität.

Martin Rumori (März 2009)

 

Barry Truax: Biographie

Barry Truax wurde 1947 in Chatham, Ontario geboren. Nach Studien der Mathematik und Physik an der Queen’s University studierte Truax 1969–1973 Komposition bei Cortland Hultberg an der University of British Columbia. 1971–73 betrieb Truax weitere Studien bei Gottfried Michael Koenig und Otto Laske am Institut für Sonologie der Universität Utrecht. Seit 1973 lehrt Truax an der Simon Fraser University in Burnaby, 1976 wurde er Direktor des Sonic Research Studio und Professor im Department of Communication. Seit 1973 ist Truax Mitglied des von R. Murray Schafer begründeten World Soundscape Projects, welches sich mit Klangumgebungen auseinandersetzt. In diesem Zusammenhang entwickelte Truax den Begriff der »Soundscape compositions«, deren Ziel das bewusste Wahrnehmen dieser klanglichen Umwelt ist (z. B. Pacific, 1990; Island, 2000). Truax war der erste Komponist, der die Echtzeit-Frequenzmodulation verwendete (z. B. Sonic Landscape No. 3, 1975; Solar Ellipse, 1984–85). In Riverrun (1986) verwendete Truax als Erster die Echtzeit-Granularsynthese, die auf dem ab 1972 von ihm entwickelten POD Computer Music System basiert. Für sein vielseitiges Schaffen wurde Truax mehrfach ausgezeichnet, z. B. 1991 mit dem Bourges-Preis (für seine Komposition Riverrun); 1999 erhielt er den Award for Teaching Excellence an der Simon Fraser University.