Daniel Mayer: Hybride Strukturen 1  (2010)

Der Komponist Daniel Mayer

 
„Für mich steht bei der Verwendung von Algorithmen die fortlaufende Modifikation derselben als Reaktion auf die generierten musikalischen Resultate im Vordergrund. Der eigene Bezug zum Erinnerten geht in die Modifikationen des Ausgangsverfahrens und die Bewertungen seiner Resultate ein. Die dynamische Anpassung eines Algorithmus und nicht seine starre musikalische ‚Umsetzung‘ ist das Paradigma. In ästhetischer Hinsicht sind schließlich, unabhängig vom Komplexitätsgrad, niemals Strukturen, für sich genommen, ausschlaggebend für unsere Wertungen. Entscheidend ist stets, wie neue Strukturen an den erinnerten entlangschrammen. Eben deshalb ist Komplexität, so wie Einfachheit, nicht als bloße Struktureigenschaft interessant, sondern primär im historischen Kontext.“

Daniel Mayer (2006)

 

Hybride Strukturen 1  (2010)

für Bassposaune, Streichquartett und 8-Kanal-Tonband

 „Schon seit längerer Zeit habe ich die Absicht, algorithmische Verfahren, die ich bisher in zwei verschiedenen Werkgruppen verwendete, zu kombinieren: In der Reihe Lokale Orbits, die mit Stücken für Soloinstrument und Elektronik begann, waren Aufnahmen mit den beteiligten Musikern der Ausgangspunkt des kompositorischen Prozesses. Die Vielfalt der Möglichkeiten der Verarbeitung dieser Aufnahmen mittels Granularsynthese brachte mich dazu, das Experiment mit Syntheseparametern an den Anfang zu stellen und in erster Linie an dessen Resultate anzuknüpfen, oft auch entgegen der ursprünglichen Planung. Dennoch bildeten sich im Laufe der Reihe einige gemeinsame strukturelle Merkmale heraus: reduziertes Material, die kombinatorische Umordnung weniger instrumentaler Gesten und langsame, algorithmisch gesteuerte Veränderungen im Tonbandpart.

In älteren rein instrumentalen Stücken waren ebenfalls Computerexperimente der Ausgangspunkt, hier aber bezogen auf polyphone Koordination bzw. die Steuerung der traditionellen Parameter des instrumentalen Denkens.

Obwohl im klingenden Resultat sehr verschieden, verwende ich, im Hinblick auf Zusammenhangsbildung und Variation, in beiden Bereichen ähnliche Algorithmen, oft Kombinationen von Zyklen und Zufallsvariationen.

Hybride Strukturen 1 geht ebenfalls vom Soloinstrument – der Bassposaune – und einigen granularen Verarbeitungen aus. Das Streichquartett wird abschnittsweise eingesetzt; seine algorithmische Steuerung orientiert sich an einer Pulsation, die mit den tragenden Schichten – kontinuierlichen granularen Texturen und Gesten des Soloinstruments – korrespondiert.“

Daniel Mayer (2010)

 

Daniel Mayer: Biographie

Daniel Mayer, geboren 1967, absolvierte in Graz Studien der Mathematik und Philosophie an der Karl-Franzens-Universität sowie das Kompositionsstudium an der Kunstuniversität (Klasse Gerd Kühr), postgradual studierte er 2001/02 am elektronischen Studio der Musik-Akademie Basel bei Hanspeter Kyburz. Er arbeitet mit strukturerzeugenden Computeralgorithmen in elektronischer und instrumentaler Komposition und entwickelt Software (miSCellaneous, Programmbibliothek für SuperCollider). Mayer lehrte Computermusik an der FH Darmstadt-Dieburg, Fachbereich Media (WS 2003/04) und am Johann-Joseph-Fux-Konservatorium des Landes Steiermark in Graz (Musiktheorie und Gehörbildung, 2004/05); er war Gastkomponist am ZKM Karlsruhe (2003/04) und am IEM Graz (2005), seit 2005 ist er freischaffend. Mayer ist Mitglied des Grazer Vereins „die andere saite“ und erhielt Kompositionsaufträge von Ensemble Zeitfluss, Musik der Jugend, IGNM und Kulturzentrum bei den Minoriten.

Aufführungen: SuperCollider Symposium 2006, Birmingham; ÉuCuE Electroacoustic Concert Series 2008, Montreal; JSEM / MSJ Electroacoustic Festival 2009, Nagoya; Konzerte zum Giga-Hertz-Preis 2007 und 2008, ZKM Karlsruhe; Electrovisiones 2009, Mexico City; Nuit bleue 2009, Saline Royale d'Arc et Senans; International Computer Music Conference (ICMC) 2010, New York.

Auszeichnungen: Luigi Russolo Preis 2000 (3. Preis), Musikförderungspreis der Stadt Graz 2003, Österreichisches Staatsstipendium für Komposition 2001 und 2008, Giga-Hertz-Produktionspreis für Elektronische Musik 2007, Theodor-Körner-Förderungspreis für Wissenschaft und Kunst 2008.
www.daniel-mayer.at