Clemens Nachtmann: ausschreitend… (2009/10)

Der Komponist Clemens Nachtmann

Clemens Nachtmanns Stellung zur Musik verdankt sich einer Entscheidungsschwäche: Er mag sich nicht zwischen Philosophie und Kunst entscheiden. Was ihn an Musik so fasziniert, ist ihr spezifischer Erkenntnischarakter, der ihr zukommt als einer Kunstform, die nicht nur in der Zeit verläuft, sondern in sich selbst artikulierte ästhetische Zeit ist und damit die Frage, wie die Menschen ihre Lebenszeit verbringen, immer wieder aufs Neue aufwirft.

Genauso, wie Musik mit der Bereitschaft des Hörers zur Selbsterkenntnis und seinem Unwillen, sich mit vorgestanzten Clichés abspeisen zu lassen, rechnet, ist auch das Komponieren heute nur noch als konsequent selbstreflexives Tun möglich: als Versuch, unter Aufbietung aller kompositorisch-technischen Mittel, alles Bekannten, Plan- und Berechenbaren das Spontane, Unplanbare, Unberechenbare zu ermöglichen und sich ereignen zu lassen.

Aus: Clemens Nachtmanns Komponieren gegen die Leere der Zeit – ein Portrait von Florian Neuner, ausgestrahlt in Deutschlandradio Kultur, 16.10.2007.

 

ausschreitend… (2009/10)

Als Inkarnation des die mythischen Gewalten überlistenden, mit den überlieferten Regeln brechenden bürgerlichen Subjekts gilt den Bürgern in ihren revolutionär-heroischen Zeiten die Figur des Prometheus, wie Goethes Gedicht sowie Beethovens Prometheus-Ballett sowie seine „sinfonia eroica“ bezeugen. In dieser „heroischen“ dritten Sinfonie, die als eine Feier des endlich in die geschichtliche Zeit eingetretenen und in unbekannte Welten ausschweifenden bürgerlichen Subjekts in vier Sätzen gelten darf, schreibt Beethoven nun bemerkenswerterweise einen Trauermarsch auf ebendieses Subjekt und begründet damit eine Reihe zutiefst abgründiger Trauermärsche, die von Berlioz’ Marche funèbre pour la dernière scène d’Hamlet aus dem Revolutionsjahr 1848 über Liszts Motive seiner „Revolutionssinfonie“ aufnehmenden Heroïde funèbre von 1849 bis hin zu Mahlers Trauermärschen reichen – Stücke, in denen das notwendige, weil aus innerer Zerrissenheit resultierende, Scheitern dieses Subjekts genauso aufscheint wie seine mögliche positive Entgrenzung.

Das zweisätzige Ensemblestück ausschreitend… ist bestimmt vom schreitenden Gestus eines Trauermarschs, der aber nach allen möglichen Richtungen hin „ausschreitet“, auf Abwege kommt, auf unvorgesehene Arten außer sich gerät. Das Stück besteht aus zwei Sätzen: einem umfangreichen Hauptsatz und einem wesentlich kürzeren „Nachspiel“, das auf Materialien des Hauptsatzes basiert und diese nach formalisierten Verfahren neu kombiniert.

Clemens Nachtmann (2010)

Clemens Nachtmann: Biographie

Clemens Nachtmann, geboren 1965 in Neustadt a. d. Waldnaab (Bayern), studierte in München und in Berlin Politikwissenschaft u. a. bei Johannes Agnoli sowie Komposition und Musiktheorie u. a. bei Wilhelm Killmayer, Friedrich Goldmann, Gösta Neuwirth und Hartmut Fladt. 2004 übersiedelte er von Berlin, wo er fast 20 Jahre lang lebte, nach Graz, wo er zunächst ein Aufbaustudium in Komposition bei Beat Furrer im Rahmen eines DAAD-Postgraduiertenstipendiums absolvierte und seit 2005 an der Kunstuniversität Graz Musiktheorie und Gehörschulung unterrichtet. Seit den 1980er Jahren hielt er zahlreiche Vorträge und publizierte in diversen Zeitungen und Zeitschriften zu gesellschaftstheoretischen, politischen, kulturellen und musikalischen Fragen.

Auszeichnungen: Dritter Preis für das Ensemblestück Intrecci beim Hanns-Eisler-Wettbewerb für Komposition und Interpretation 2001, Kompositionsstipendium des Berliner Senats für das Ensemblestück battery park/NY, Zweiter Preis für das Ensemblestück O mei beim Kompositionswettbewerb der „Weimarer Frühjahrstage für zeitgenössische Musik“, Preisträger beim Boris-Blacher-Preis für Komposition der Neuen Musik 2004; 2005 Portraitkonzert beim Festival „Ultraschall“ sowie beim Frankfurter Festival „Auftakt“, Zweiter Preis beim Gustav-Mahler-Kompositionspreis der Stadt Klagenfurt 2008.

Aufführungen bei der „Klangwerkstatt Kreuzberg“, im Rahmen der Reihe „Unerhörte Musik“ im Berliner BKA, beim Berliner Festival für neue Musik „Ultraschall“, beim WDR Köln, beim Berliner Festival „MaerzMusik“ sowie bei „The music of the 21st century“ in Wien. Auftrag der Ensembleakademie „Impuls“ (Graz) für das Ensemblestück „esplorazioni“ mit dem Klangforum Wien. Arbeitet z.Zt. an dem Musiktheater „Das Buch von allen Dingen“ nach dem Roman von Guus Kuijer.

Veröffentlichungen auf Tonträgern: Tafelmusik (Elektronische Komposition) auf der DVD „50 years Studio TU Berlin“ (2005).