Anselm Schaufler: Etüde 4 (2010)

Der Komponist Anselm Schaufler

„Meine Stücke sind wie ein Klangstrom in der Zeit. Sie sollen keine Ziele formulieren, sich nicht spektakulär entwickeln, sondern feine klangliche Veränderungen erleb- und hörbar machen. Ich entscheide mich bewusst für einen Klangstrom, der nicht zerstört, gebrochen oder gestört wird, denn ich empfinde die Unruhe, die Störungen, die Ängste, die Kurzatmigkeit und Schnelllebigkeit in unserer Gesellschaft als fast nicht zu ertragen und möchte mit meiner Musik eine ‚innere‘ Gegenwelt bilden. Diese Gegenwelt zeichnet sich bei mir nicht durch lange und leise Töne, viele Pausen oder Statik aus, sondern durch langsamere, feine Veränderungen bei durchaus kräftiger Lautstärke oder schnellen Läufen. Die ständige Suche nach Neuem ist heute längst überholt und wirkt eher peinlich aufgesetzt; für mich zählen vielmehr die bestmögliche Klarheit und Einheit von Idee, Form, Klang oder von Detail und Gesamtform, nicht zu verwechseln mit der Beethovenschen Klang-Technik. Dabei spielen ‚zeitgemäße‘ Klänge und Techniken eine vergleichsweise untergeordnete Rolle.“

Anselm Schaufler (2010)

 

Etüde 4 (2010)

„Das Wesen einer Etüde besteht darin, dass ein bestimmter spieltechnischer Aspekt auf einem Instrument schwerpunktmäßig trainiert werden soll. Etüde 4 widmet sich einem wichtigen Teilaspekt meines kompositorischen Denkens: nämlich der Linie. Eine große Gruppe besteht aus zwei- bis dreistimmigen Linien, die wie ein breiter, unscharfer Pinselstrich gedacht sind; eine zweite behandelt einstimmige Linien, die in meiner visuellen Vorstellung einem Bleistiftstrich entsprechen.

Diese Linien können ein Tonzentrum umkreisen und so mehrere Tonebenen bilden. Von diesen Ebenen führen wellige oder fast geradlinige Linien in unterschiedlichen Längen nach oben oder unten, oder in Bogenform wieder zur Ausgangstonebene zurück. Diese Linien verbinden auch verschiedene Tonebenen miteinander.

Bei den Versuchen Linien zu formen bin ich anfangs von Viertongruppen ausgegangen und habe diese immer mehr reduziert. Letztendlich brachte ein einzelner Ton als Ausgangspunkt für eine Linie Ergebnisse, die meiner Vorstellung entsprachen. Daher auch der Titel Etüde 4.

Auch der Rhythmus lässt sich grob in zwei Gruppen teilen: jene mit gleichmäßigen rhythmischen Notenwerten und jene mit langen und kurzen Werten ohne vermittelnde Mittelwerte. Es ergibt sich ein spannender Reiz zwischen den zuckenden, zögerlichen und den gleichmäßig perlenden Linien.

Eine für mich völlig neue Erfahrung ist die Ausklammerung der Harmonik als eigene Ebene. Sie ergibt sich nur durch die Linienüberlagerungen. Auch in diesem Zusammenhang hat sich mir nach einigen Experimenten gezeigt, welche Transpositionswerte für die Einzeltöne ein zufrieden stellendes Ergebnis, vor allem bei den mehrstimmigen Linien, bringen.

Ich habe eine relative Positionsvorstellung der einzelnen Linien im gesamten Stück, aber ich lege den exakten Startpunkt der von den Tonebenen wegführenden Verästelungen erst am Ende fest. Diese freie Montage-Möglichkeit ist für mich ebenfalls eine neue Verfahrensweise.“

Anselm Schaufler (2010)

 

Anselm Schaufler: Biographie

Anselm Schaufler wurde 1970 in Wien geboren. 1986–1992 absolvierte er ein Violinstudium bei Klaus Eichholz an der Musikhochschule in Graz und bei Matheos Karijolou am Bruckner Konservatorium in Linz. 1984–1989 nahm er Kompositionsunterricht bei Bernhard Lang,  1992–1999 studierte er Komposition bei Beat Furrer und erhielt auch Unterricht bei Georg Friedrich Haas. 1990 und 1996 nahm er als Stipendiat an den internationalen Darmstädter Ferienkursen teil.

Er bekam 1996 den Musikförderungspreis der Stadt Graz und 1999 den Österreichischen Staatsförderungspreis. Aufträge für verschiedene Ensembles wie z. B. reconsil, die reihe, zeitfluss, kontrapunkte und für Veranstalter wie Kulturzentrum bei den Minoriten, steirischer Herbst, styria cantat I–IV, Lutoslawski Festival u. a.

Als Geiger war er 1993–1997 Mitglied des Grazer Symphonischen Orchesters und gründete mehrere Ensemble wie das Salonorchester „Grazer Grammophoniker“, das Streichquartett „quartetto ornando“, das Violinduo „Duowabohu“ und das Streichquintett „Die salonfähigen Saitenspringer“, mit welchem er noch heute Konzerte spielt. Für diese Ensembles ist er als Komponist und Arrangeur tätig. Außerdem gibt es Zusammenarbeiten und CD- bzw. DVD-Produktionen mit Ensembles und Bands wie Opus, Kolonovits, Beatles Unlimited, Cellofun, Weana Gmiat Schrammeln, Familie Pischinger, Ensemble Profil, Tubaphonie u. a.

Seit 2000 hat er eine Lehrtätigkeit in den Bereichen Violine, Musiktheorie und Arrangement am Johann-Josef-Fux-Konservatorium Graz. Er ist Mitglied bei den Komponistenvereinen „die andere saite“, „Steirischer Tonkünstlerbund“ und IGNM.