Alexander Stankovski: A House of Mirrors III (2010)

Der Komponist Alexander Stankovski

„Komponieren heißt für mich Entscheidungen treffen, Grenzen ziehen, Räume abstecken. Ich kann nicht komponieren ohne einen zuvor definierten Entscheidungs-Raum. Die Definition selbst – die Eingrenzung mir möglicher Entscheidungen – kann von Stück zu Stück, innerhalb eines Stückes, von Satz zu Satz, von Schicht zu Schicht oder von Abschnitt zu Abschnitt wechseln. Mich interessiert die Gegenüberstellung verschieden definierter Räume. Es geht nicht um die Vermittlung von Gegensätzen, es geht um die Erfahrung von Inkommensurabilität.“

Alexander Stankovski (2010)

 

A House of Mirrors III (2010)

A House of Mirrors III ist das dritte einer Serie von Stücken, die von der Vorstellung eines ununterbrochenen musikalischen Flusses ausgehen, bei dem zwar der kompositorische Zusammenhang in jedem Moment hör- und fühlbar ist, dessen weiterer Verlauf aber dennoch unvorhersehbar bleibt. Einem Duo für Bassklarinette und Akkordeon und einem Ensemblestück für neun Instrumente folgt nun ein Streichquartett – eine Besetzung, die vor allem ihrer klanglichen Homogenität und spieltechnischen Vielfalt wegen gewählt wurde.

Wichtigstes Hilfsmittel bei der Realisierung dieser Vorstellung ist eine schon zuvor mehrmals händisch erprobte, nun mit Hilfe des Computers gleichzeitig verfeinerte und verallgemeinerte Technik der ,verzerrten Spiegelung‘. Ausgehend von einer rhythmisch-intervallischen Zelle bildet sich durch fortgesetzte Spiegelung eine Kette von Mikrovariationen, die durch geringfügige Abweichungen in Bezug auf Tonhöhe, Dauer, Spielweise und Dynamik miteinander verbunden sind. Der weitere Verlauf ist abhängig von der Spiegeltiefe (wie viel von dem zuvor gespielten Material gespiegelt wird), vom Grad der Abweichung (wie sehr dieses Material verändert wird) und von der Anzahl der Instrumente, die derselben Spiegelung unterliegen (wie ,kompakt‘ oder ,individualisiert‘ die vier Instrumente auftreten).

Anders als in vielen früheren Stücken gibt es in A House of Mirrors III keinen formalen Plan. Ich weiß zu Beginn der Komposition nur, dass ich eine bruchlose Kontinuität der musikalischen Ereignisse anstrebe, aber nicht, wohin mich diese Kontinuität bringen wird. Der Computer funktioniert im Kompositionsprozess sowohl als Navigationsinstrument als auch als Logbuch bei einer Reise ins Unvorhersehbare.“

Alexander Stankovski (2010)

Alexander Stankovski: Biographie

Alexander Stankovski wurde 1968 in München geboren und lebt seit 1974 in Wien. Er studierte Komposition an der Wiener Musikhochschule bei Francis Burt und an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Frankfurt a. M. bei Hans Zender. Daneben nahm er an mehreren Kompositions- und Analysekursen u. a. bei Karlheinz Füssl, Ulrich Siegele, Karlheinz Stockhausen, Brian Ferneyhough und Gérard Grisey teil.

Er erhielt Kompositionsaufträge von renommierten Institutionen und Ensembles (z. B. Salzburger Landestheater, Alban-Berg-Stiftung, Klangforum Wien, Ensemble die reihe, ORF, Wiener Konzerthausgesellschaft).

Aufführungen bei Festivals wie wien modern, Hörgänge, Bludenzer Tage zeitgemäßer Musik, Frankfurt Feste, Musikbiennale Berlin, Schönberg Festival Duisburg, Moskauer Herbst oder Musica Nova Sofia brachten ihm einige Beachtung. Er erhielt mehrere Stipendien und Preise (1992 Busoni-Förderungsstipendium der Akademie der Künste Berlin, 1993 und 1997 Arbeitsstipendien der Stadt Wien, 1995 Österreichisches Staatsstipendium für Komponisten, 2000 Kompositionspreis der Erste Bank, 2001 Förderungspreis der Stadt Wien, 2004 Theodor Körner-Förderungspreis). 1999 war er zusammen mit Renald Deppe künstlerischer Leiter der 12. Langen Nacht der Neuen Klänge der IGNM im Wiener Konzerthaus.

Stankovski unterrichtete von 1996 bis 2004 als Assistent von Michael Jarrell eine Kompositionsklasse an der Musikuniversität Wien. Seit 1998 ist er als Privatdozent bzw. Senior Lecturer u. a. für Harmonielehre, Kontrapunkt und Formanalyse an der Kunstuniversität Graz tätig.