Orestis Toufektsis: Chrinope II für Ensemble (2010)

Der Komponist Orestis Toufektsis

„Es geht Toufektsis um Musik, die für sich selbst steht; die für sich gehört werden kann, ohne durch einerseits traditionelle oder andererseits außermusikalische Semantik verstellt zu sein. Deshalb hat er sich eine kohärent-systematische Arbeitsweise angeeignet, die, ausgehend von möglichst wenigen ausgewählten Elementen, zu hoher Komplexität führen kann. Wichtig ist Toufektsis hierbei die Ökonomie der Mittel; Komplexität als Selbstzweck ist ihm suspekt.“ Christian Klein

„Ich denke, dass die ‚Formung‘ der Zeit in einer Komposition das Wichtigste sein muss. Ich habe immer bewusst (oder unbewusst?) das Tonmaterial bzw. die Tonhöhen zu einer Zweitrangigkeit ‚degradiert‘ (bzw. verdrängt), indem ich sie als ‚Diener‘ einer bestimmten Zeitstruktur betrachtete. Man muss sich trotzdem für eine bestimmte ‚Version‘ – aus den vielen Tonhöhenkombinationen und Zusammensetzungen, welche die gleiche oder sehr ähnliche innere Struktur aufweisen – entscheiden, und diese Entscheidung ist gezwungenermaßen durch eine bestimmte Ästhetik geprägt (ob es eine Möglichkeit gäbe, diese Entscheidung nicht treffen zu müssen?).

Ich versuche die innere Verwandlungsdynamik des Klanges zu ‚beobachten‘, um zu entdecken, was er uns zu offenbaren vermag. Dabei dürfen aber nicht geplante (oder ‚interessante‘?), kontrollierte (oder ‚selbstverliebte‘?) Klangmanipulationen stattfinden, sondern Klänge, die sich durch eventuelle Manipulationen ergeben könnten, ermöglicht (‚frei-gelassen‘) werden. Was würde man bei Verkleinerung oder ausschnitthafter Isolierung und Betrachtung durch ein quasi auditives Mikroskop sehen (hören)? Wäre dann etwas anders und – wenn ja – in welcher Weise? Antworten darauf hängen von Wahrnehmungsgrenzen und der Hörintensität ab, wobei ich aber schon sehr oft über das – unerwartet  Neuentdeckte staune.

Die Intensivierung des Hörens – z. B. durch Vergrößerung von Klangereignissen – verstehe ich nicht nur als ästhetische, sondern auch als politische Haltung, d. h. auch als das Vermeiden jeder Art von ‚Oberflächlichkeit‘ und Selbstzwecksetzung (wie ‚interessant‘ oder ‚fein-differenziert‘ sein zu müssen).

Entwicklung, Wiederholung, Variation, Ähnlichkeit, Kanon, thematische Bearbeitung, (harmonische? u. a.) Funktionen, Gestik, Ausdruck, Tonhöhen, Dauer, Artikulation, Form, (melodische?) Bewegung, Struktur, Proportionen, (musikalische?) Parameter, Zufallsoperationen, Krebsform usw. Am Ende bleibt nur die ‚strukturierte‘ ZEIT und, wenn wir am richtigen Ort sind, dann klingt sie auch und kann uns – oder unsere ‚Psyche‘ – langfristig ändern, vielleicht sogar befreien.“

Orestis Toufektsis (2010)

 

Chrinope II für Ensemble (2010)

„Eine der Grund-Erkenntnisse der Chronobiologie ist, dass die so genannte innere biologische Uhr – die den genauen Rhythmus der verschiedenen periodischen, biologischen Funktionen des Menschen steuert – sehr flexibel in der Anpassung ist. Das Interessante dabei: Diese Flexibilität hängt mit der Intelligenz und dem ‚Willen‘ des Individuums, sich gesellschaftlichen Normen (in der Chronobiologie als ‚Sozialisierungsgrad [sic!] des Subjektes‘ bezeichnet) und der – ‚extern‘ bestimmten – Periodizität mancher Abläufe unterzuordnen, zusammen.

Ich versuche bewusst auf detaillierte spieltechnische und dynamische Anweisungen möglichst zu verzichten, um einen ‚Satztyp‘ zu erschaffen, der nur die ‚Struktur‘ (zeitlich organisierte Tonhöhen) liefert. Die ‚Entschlüsselung‘ der strukturellen Rolle jedes einzelnen Tones bzw. Tongruppe soll aus der ‚Zusammensetzung‘ des ‚Tonmaterials‘, dem ‚Satztyp‘ hervorgehen bzw. ist (nach bestimmten Kriterien!) dem Musiker überlassen. Da jede Notation einen bestimmten Grad an ‚Unpräzision‘ enthält, ,entschlüsseln‘ bzw. interpretieren die Musiker eine Partitur automatisch. Nun möchte ich aber diese ‚Entschlüsselung‘ bzw. Interpretation noch mal ,provozieren‘ oder sogar ‚erzwingen‘ und vor allem möglichst präzise Kriterien für diese Interpretation liefern. Das setzt eine Art des Musizierens voraus, die ich für unverzichtbar halte.

Trotz der Festlegung von Tonhöhen, Dauern, mehr oder weniger präzisen Anweisungen zu Spieltechniken oder Artikulation, Dynamik etc. entzieht sich letztlich der Klang oft dieser Kontrolle und entwickelt eine Art Eigendynamik. Dies bezieht sich nicht nur auf den Kompositionsprozess, sondern vor allen Dingen auf die Situation der Aufführung: Die präzise Wiederholung von eingeübten, ‚kontrollierten‘ Bewegungen des Interpreten produziert jedoch Differenz, und dies ist das Entscheidende. Es ist wie mit unserer Vorstellung von Kontrolle unserer ‚freien‘ Entscheidungsmächtigkeit und den letztlich oft unvorhersehbaren Ergebnissen unseres Tuns.“

Orestis Toufektsis (2010)

 

Orestis Toufektsis: Biographie

Orestis Toufektsis (GR) wurde 1966 in Taschkent (Usbekistan) geboren. Er studierte ab 1986 Klavier, Harmonielehre und Kontrapunkt am Konservatorium und parallel dazu Vermessungswesen an der TU in Thessaloniki. Ab 1993 studierte er an der Kunstuniversität Graz Komposition bei Gerd Kühr.

Er wurde u. a. mit dem Kompositionspreis der Stadt Klagenfurt 1995 und dem Musikförderungspreis der Stadt Graz 2007 ausgezeichnet. Toufektsis ist Gründungsmitglied des Ensembles artresonanz.
Auftragswerke u. a. für das Land Steiermark, Kulturzentrum bei den Minoriten, ensemble artresonanz, ensemble zeitfluss, Städtisches Symphony Orchester Thessaloniki und Aufführungen in Wien, Graz, Klagenfurt, Linz, London, Bremen, Athen, Thessaloniki. Radiosendungen im Österreichischen, Deutschen und Griechischen Rundfunk.

2007/08 war Toufektsis Gast-Komponist am Institut für Elektronische Musik der Kunstuniversität Graz („Kompositorische Aspekte selbstähnlicher Strukturen“). Seit Oktober 1999 unterrichtet er Tonsatz und Musiktheorie an der Kunstuniversität Graz.