Michele Del Prete: Cambiamenti Di Stato (2008)

Der Titel Cambiamenti Di Stato („Zustandsänderungen“) verweist auf die Bedeutung der sich verändernden Zustände der Bassklarinette und ihres Klanges innerhalb des Werkes. Die elektronische Verarbeitung der Klänge unterstützt die Wandlungen, denen das Soloinstrument unterzogen wird, indem sie ihm eine klangliche Umwelt bietet, auf welche sich die Änderungen beziehen können.

In einer grundlegenden Bezugsebene setzt Michele Del Prete die klanglichen Möglichkeiten der Klarinette in den Kontext physikalischer Zustände. Wie Klappengeräusch, Spaltklang und Luftton Klangzustände des Instruments Bassklarinette darstellen, sind Eis, Wasser und Dampf unterschiedliche Erscheinungsformen eines einzelnen Elements. Und wie das Element Wasser Abbild und Träger jener Intensität von Temperatur und Druck ist, welcher es ausgesetzt wurde, so transportiert die Klarinette durch ihre klanglichen Zustände die ihr eingeschriebenen Zustände von Energie und Ausdruck. Die gestalthafte „Veränderung im Gleichen“ wird auf diese Weise thematisiert. 

Im Element Wasser wie in der Bassklarinette sind diese Zustandsänderungen angelegt und damit möglich. Die Live-Elektronik stellt die Umwelt für diese Transformation dar. Die Bassklarinette wird durch Verzögerungen mit ihrem eigenen transformierten Klang konfrontiert, sowie durch Frequenzverschiebungen und Mikroverzögerungen mit einem „Klangschatten“ versehen. Zu diesem Zweck wird sie aufgenommen und ihr Klang in Echtzeit der Live-Elektronik zugeführt, welche ihn verarbeitet und im Verlauf des Stückes eine Klangtextur generiert. Diese wird über acht Lautsprecher als Raumklang wiedergegeben. Somit erscheint die Bassklarinette nicht in ihrer einfachen, eigentlichen Klanggestalt, sondern ihr Zustand wird komlexer.

Dem Attribut der Wandelbarkeit und der ihm innewohnenden Möglichkeit zur Verarbeitung stellt Del Prete sein Konzept der „Canoni morti“ gegenüber.

Der Klang der Canoni morti wird nicht während der Aufführung verräumlicht, sondern sie sind in ihrer elektronischen räumlichen Verarbeitung vorprogrammiert. Da sie somit keine Wandlungsfähigkeit aufweisen sind sie „tot“, dienen jedoch als Horizont für die Raumklang-Regie, welche in Echtzeit auf die klangliche Realisierung des Stücks reagiert.

Andreas Pirchner (2010)

Michele Del Prete: Biographie

Michele Del Prete, geboren 1974 in Novara (Italien), studierte Philosophie an den Universitäten von Turin, Utrecht, Leiden und Berlin, wo er 2005 mit einer Arbeit über Franz Rosenzweig den Ph.D. erwarb. Er nahm an zahlreichen Kongressen teil, u.a. in Cambridge, Jerusalem, Rom, Darmstadt, Paris, Helsinki oder an der Harvard University. 2009/10 unterrichtete er Wahrnehmungs- und Gestaltpsychologie an der Accademia di Belle Arti in Turin. 2008 erhielt er sein Diplom in Composition and New Technologies am Conservatorio B. Marcello in Venedig. Es folgten ein Kompositionsworkshop bei Giacomo Manzoni und Meisterklassen mit Claudio Ambrosini und Agostino Di Scipio. Seit 2009 studiert er Komposition bei Beat Furrer an der Kunstuniversität Graz. Michele Del Prete arbeitet seit 2003 mit Texten von Roberto Bacchetta. Seine Werke wurden in Venedig (Conservatoire of Venice, Teatrino Groggia, Biennale Musica), Pordenone (Festival del Teatro Indipendente, 2008 und 2009), Rom (Teatro Manhattan), Mestre (Galleria Contemporaneo), Novara (Centro culturale UXA), Mailand (Festival 5 Giornate 2009 and 2010), Fiesole (Estate Fiesolana 2009 and 2010), Helsinki (Theater Academy), Berlin (BKA Theater), Barcelona (Festival Zeppelin 2009), Graz (KUG) und Sassari (La terra fertile 2010) aufgeführt.