Karlheinz Essl: Sequitur XIII (2009)

Sequitur ist eine Serie von 14 Kompositionen Karlheinz Essls. Alle sind durch die Klanglichkeit eines stets anderen Soloinstruments (z. B. Flöte, Violine, Toy-Piano) gekennzeichnet. Dieses interagiert zur musikalischen Klang- und Strukturerzeugung mit der immer gleichen Anordnung von Live-Elektronik: dem von Essl entwickelten Sequitur-Generator. Der Umfang der Serie sowie die intensive klangliche Erforschung der Möglichkeiten eines einzelnen Soloinstruments – bei Essl in ein Spannungsverhältnis zur Live-Elektronik gesetzt – verweisen auf Luciano Berios Zyklus Sequenzas

Die Bedeutung des Titels Sequitur (lat. für „er/sie/es folgt“) bezieht sich auf das dem Stück zugrunde liegenden Konstruktionsprinzip eines Kanons. Dieses wird jedoch nicht wie etwa bei Ligetis Atmosphères[1] eingesetzt, um zu einer extremen strukturellen und klanglichen Verdichtung zu gelangen, welche die Wahrnehmbarkeit des einzelnen Klangereignisses auflöst und auf diese Weise ein Klangkontinuum betont. Vielmehr bleiben die einzelnen Klangereignisse im vorliegenden Stück wahrnehmbar, auch wenn sie sich durch die Technik des Kanons bedingt überlagern. Essl wählte außerdem einen Kanon mit kürzer werdendem Einsatzintervall der kanonischen Stimmen. Diese Technik bricht das starre Prinzip der konstanten Einsatzintervalle eines traditionellen Kanons[2] auf und führt zu einer zunehmenden Verdichtung der musikalischen Struktur. Die einzelnen Schichten des Kanons werden zusätzlich mit dem Verlauf der Zeit immer stärker verzerrt und „verfallen“ so gegenüber den jüngeren Einsätzen.

In allen Stücken der Sequitur-Serie setzt Essl seinen selbst entwickelten Sequitur-Generator ein. Dieser wurde in der Software Max/MSP realisiert und verarbeitet die klanglichen Ereignisse des Soloinstruments, welche durch ein Mikrophon übertragen werden, in Echtzeit. Das Klangergebnis des Stückes ist die Summe der (notierten) Performance des Solisten/der Solistin und deren Verarbeitung durch die Live-Elektronik. Das Resultat der Realisierung von Essls Vorgaben ist bei jeder Aufführung einzigartig. Anders als in improvisierter Musik sind bei Sequitur XIII die zu spielenden Noten für die SolistInnen genauestens in der Partitur festgelegt. Die strukturelle Einzigartigkeit der Realisierung wird durch zufallsgesteuerte Operationen und ein selbsttätiges Verhalten in der elektronischen Verarbeitung und der anschließenden modifizierten Rückspielung der Live-Klänge erreicht.

Das Gestaltungsprinzip des strengen Kanons erscheint auf diese Weise durch die Elektronik aus den Angeln gehoben. Die SolistInnen werden mit ihrem eigenen Spiel konfrontiert, wobei das Zusammenspiel zwischen InterpretIn und Computer durch die verzerrten akustischen Reflektionen der Live-Elektronik stets neu und überraschend ausfällt.[3]

Andreas Pirchner (2010)

 

Karlheinz Essl: Biographie

Karlheinz Essl, 1960 in Wien geboren, studierte Musikwissenschaft und Kunstgeschichte an der Universität Wien sowie Komposition bei Friedrich Cerha und elektroakustische Musik bei Dieter Kaufmann, 1989 promovierte er mit einer Dissertation über Anton Webern. Als Kontrabassist spielte er in verschiedenen Kammermusik- und Jazzformationen. Er arbeitet als Komponist, Medienkünstler, Musikkurator und Kompositionslehrer. 1990–94 war Karlheinz Essl composer-in-residence bei den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik. 1992/93 arbeitete er an einem Performance-Projekt mit Harald Naegeli und realisierte einen Kompositionsauftrag des IRCAM. 1995–2006 unterrichtete er Algorithmische Komposition an der Anton Bruckner Privat-Universität in Linz, daneben hielt er Gastvorlesungen u.a. in Toronto, Kopenhagen oder Köln. Seit 2007 ist er Kompositionsprofessor für elektroakustische und experimentelle Musik an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien. Seit 1993 ist er Musikintendant der Sammlung Essl in Klosterneuburg/Wien. 1997 wurde ihm ein Komponistenportrait bei den Salzburger Festspielen gewidmet, 2004 erhielt er den Würdigungspreis des Landes Niederösterreich für Musik. Karlheinz Essl entwickelt neben Instrumentalwerken und Kompositionen mit Live-Elektronik auch generative Kompositions-Software, Improvisationskonzepte, Klanginstallationen, Performances sowie Internet-Projekte, auch hat er laufend Auftritte als Live-Performer mit dem selbstentwickelten computer-basierten Meta-Instrument m@ze°2. Seine Werke wurden bei zahlreichen internationalen Festivals aufgeführt, dabei arbeitete er auch mit vielen bekannten Ensembles zusammen.

 


[1]      "Etwa in der Mitte der 'Atmosphères' findet sich ein 56stimmiger Kanon. Die Stimmen imitieren einander zwar nicht im Rhythmischen, wohl aber in der Abfolge der Tonhöhen. […] Es ist unmöglich, den Kanon mit dem Ohr zu verfolgen" (vgl. Harald Kaufmann, Strukturen im Strukturlosen: Über György Ligetis "Atmosphères", in: Spurlinien: Analytische Aufsätze über Sprache und Musik, Wien 1969, S. 110–112).

[2]      Eine Verfahrensweise, um aus einem einstimmigen Satz einen zweistimmigen Satz herzustellen, besteht darin, die zweite Stimme später als die erste einsetzen zu lassen. Sie ahmt die erste genau nach, imitiert sie streng (Knaus / Scholz, S. 15). Der Kanon wird nach dem Intervallverhältnis benannt, in dem die zweite Stimme im Vergleich zur ersten einsetzt: etwa „Kanon in der Terz“ (Herwig Knaus / Gottfried Scholz, Formen in der Musik. Herkunft, Analyse, Beschreibung, Bd. 1, Wien 1988, S. 37).

[3]      Weitere Informationen unter: http://www.essl.at/works/sequitur.html