Germán Toro-Pérez: Rulfo/ecos I (2006)

Rulfo/ecos I ist das zweite Stück aus Germán Toro-Pérez’ Zyklus Rulfo/voces/ecos. Dieser umfasst fünf Stücke für Streichtrio und Live-Elektronik, wurde 2006 uraufgeführt und bezieht sich auf das Werk des mexikanischen Schriftstellers Juan Rulfo, welcher in seinem schmalen, jedoch experimentellen Oeuvre in düsteren Worten das harte Leben der mexikanischen Landbevölkerung beschreibt.[1]

Der musikalische Bezug des Zyklus zu Rulfos Sprache der Einsamkeit zeigt sich in den monodischen Phrasen der jeweiligen Soloinstrumente.[2] Charakteristisch für ecos I ist das bis an seine artikulatorischen Grenzen ausgereizte Cello, für dessen gestischen Ausdruck die klangliche Spannung zwischen Phrasen, welche durch Glissandi gekennzeichnet sind und solchen, welche diskrete, schnelle Tonsprünge aufweisen, kennzeichnend ist. Diese Dialektik des Ausdrucks verdichtet sich im Verlauf des Stückes durch die steigende Intensität, und es fällt leicht, dabei an den Dialog zweier Charaktere zu denken, welche gleichsam durch das Cello gezeichnet werden und somit zwei Seiten eines einzelnen Wesens aufzeigen.[3] 

Der virtuose, springende Vortrag des Cellos spielt sich vor dem klanglichen Hintergrund der Live-Elektronik ab. Diese hat die Aufgabe das Klangbild des jeweiligen Soloinstruments zu erweitern[4] sowie die Erinnerungen an die Vergangenheit zu vergegenwärtigen. Es treten hier ausgedehnte Klangtexturen auf, welche die Erfahrung eines Klangraumes suggerieren. Zunächst erscheinen sie statisch und erzeugen eine Art Klangkontinuum, welches jenen Raum bewirkt, in welchem sich die virtuosen, in sich beschleunigten Gesten des Cellos ereignen, und von welchem sie sich gleichzeitig unterscheiden.

Durch eine anaphorische Verbindung wird das klanglich Vergangene durch die Live-Elektronik in den direkten Kontext der Gegenwart des Stückes gesetzt, sowie das Spiel des Cellos als aktueller Modus des Vergangenen und seines eigenen Vortrags inszeniert.

Auf diese Weise wird HörerInnen eine fragmentarische Zeiterfahrung, in welcher die Erinnerung die kontinuierliche Gegenwart vorübergehend überdeckt, zuteil.

Andreas Pirchner (2010)

 

Germán Toro-Pérez: Biographie

Germán Toro-Pérez, 1964 in Bogotá geboren, studierte Komposition bei Luis Torres Zuleta in Bogotá und bei Erich Urbanner und Karl-Heinz Füssl an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien. Außerdem belegte er Dirigierkurse bei Karl Österreicher und Peter Eötvös und betrieb Studien der Elektroakustik und Computermusik in Wien und am IRCAM in Paris. Seine Werke umfassen Instrumentalwerke und elektroakustische Kompositionen sowie Werke, die in Zusammenarbeit mit Grafikdesign, Malerei und Experimentalfilm entstanden sind. Er erhielt sowohl Kompositionsstipendien als auch Kompositionspreise, u.a. in Bogotá, Bourges und Österreich. Seine Werke wurden in Europa, Südkorea und Nord- und Südamerika bei Festivals wie Wien Modern, Klangspuren Schwaz, Sonorities Belfast, Borealis (Norwegen), Humor y Aliento (Mexiko) u.a. aufgeführt. Dabei arbeitete er mit zahlreichen Ensembles wie z.B. den New Century Players L.A., dem Mosaik Berlin oder dem Klangforum Wien zusammen. Er ist außerdem Mitbegründer des NewTonEnsembles. Germán Toro-Pérez war 1999–2006 Leiter des Computermusik-Kurses an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, 2006/07 war er dort Gastprofessor für elektroakustische Komposition. Seit 2007 leitet er das Institute for Computer Music and Sound Technology (ICST) an der Zürcher Hochschule der Künste.

 


[1]      Rulfos Stil wird als innovativ und experimentell angesehen. Seine Vorliebe für absurde Handlungen und sonderbare Charaktere machen ihn zum Ideengeber des "Magischen Realismus". (Rafael Ocasio, Literature of Latin America. Westport 2004, S. 98f.)

[2]      Vgl. Daniel Ender, Der Wert des Schöpferischen. Der Erste Bank Kompositionsauftrag 1989–2007. 18 Portraitskizzen und ein Essay, Wien 2007.

[3]      Germán Toro-Pérez erwähnt selbst Rulfos Erzählung No oyes ladrar los perros ("Hörst du nicht die Hunde bellen?") als beispielhaft. Sie kann als Monolog verstanden werden: Vater und Sohn sind ein einziger Mensch, der Selbstgespräche führt.

[4]      Vgl. Ender, Der Wert des Schöpferischen.