Aliona Yurtsevich: TREE / study – III (2007)

TREE / study – III ist eine Arbeit für Solo-Flöte und 6-kanalige Live-Elektronik. Sie ist Teil des Projekts TREE, welches von Aliona Yurtesevich im Jahr 2006 initiiert wurde und inzwischen zehn Arbeiten umfasst. Grundidee des Projekts ist es, Eigenschaften und Verhaltensweisen von Bäumen hörbar zu machen. Die einzelnen Arbeiten des TREE-Projekts nähern sich diesem Ziel aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Im Falle der vorliegenden TREE / study – III wurden nicht etwa physikalische Schwingungen aufgezeichnet, sondern die Zeichnung eines kahlen Baumes auf ein zuvor erstelltes Raster übertragen, dessen Werte dem Tonumfang der Flöte zu einem bestimmten Zeitpunkt entsprechen. Der graphische Verlauf der Äste wurde auf diese Weise in Tonfolgen übersetzt und die strukturellen Eigenschaften des Baumes somit sonifiziert.

Der Begriff „Sonifikation“ bezeichnet die Wahrnehmbarmachung von Daten oder visuellen Eindrücken durch auditive Reize. Hierbei findet eine Übersetzung in bestimmte Parameter des resultierenden Klanges statt („Parameter-mapping“). Ursprünglich ist die Sonifikation ein naturwissenschaftliches Verfahren, es fand jedoch mitunter auch in der Musik Anwendung. So wurde beispielsweise John Cages Atlas Eclipticalis (1961), in welchem Sternkarten auf Notenpapier übertragen wurden, als musikalische Sonifikation bezeichnet. Die räumliche Struktur des Nachthimmels dient Cage als kompositorische Grundlage. Er stellt so eine ähnliche Nähe zu natürlichen Gegebenheiten her, wie sie auch Prinzip der Sonifikation ist. Zentrales und wichtiges Unterscheidungsmerkmal der wissenschaftlichen oder musikalischen Sonifikation ist das Vorhandensein von naturwissenschaftlichem Erkenntnisinteresse oder künstlerischem Konzept.

Durch künstlerisch-konzeptionelle Übersetzungen macht Yurtsevich mittels ihres TREE-Projekts die Struktur einer der Natur innewohnende Klanglichkeit wahrnehmbar, welche dem menschlichen Ohr normalerweise nicht zugänglich ist. So schafft Musik eine Verbindung zwischen dem lautlosen, starren Abbild und dem zeitlich bewegten Klang. Nach dem ersten Teil von TREE / study – III, welcher den Stamm eines Baumes repräsentiert und einen komplexen Klangraum aus Mehrklängen eröffnet, ist es die Aufgabe der Live-Elektronik, die von der Flöte gespielten Sequenzen („Äste“) aufzuzeichnen und im weiteren Verlauf des Stückes zeitlich gedehnt wieder zuzuspielen. 

So entsteht eine sechsfache, feinverästelte Mehrstimmigkeit, welche den Verlauf der Äste in ihrer klanglichen Repräsentation in der Partitur zunächst „übereinander“ legt und auf diese Weise in Beziehung setzt. Durch die sechskanalige Umsetzung erweitert sie sich wieder um die ursprünglich vorhandene Raumdimension und leistet schließlich einen neuen sinnlichen Zugang zu den strukturellen und formalen Eigenschaften des altbekannt erscheinenden Phänomens Baum.

Andreas Pirchner (2010)

 

Aliona Yurtsevich: Biographie

Aliona Yurtsevich, 1970 in Weißrussland geboren, studierte zunächst Klavier und Pädagogik an der Academy of Music in Minsk (Bachelor 1993). Ab 1993 lebte sie in New York, wo sie sich hauptsächlich mit experimenteller Kunst, Film, Multimedia und Design beschäftigte. Ab 2006 studierte sie Komposition an der Kunsthochschule Utrecht (Master 2009). Aliona Yurtsevich schrieb zahlreiche Werke für Kammermusik und Soloinstrumente, aber auch für Kunstfilme, Installationen und Tanz. Ihre Arbeiten wurden in den Niederlanden, in Italien, in Ungarn und in den USA aufgeführt. Sie erhielt diverse Preise, so wurde z.B. ihre Zusammenarbeit mit dem Choreographen Brian Tijon … In the stillness between two waves of the sea … beim Internationalen Dance Festival 2010 in Budapest als Best Duo Dance Production ausgezeichnet. Ihr vielfältiger kreativer Hintergrund führte unter anderem zu Arbeiten im experimentellen Multimedia-Theater, wobei die individuelle Klangtheatralik und der visuell-ästhetische Aspekt der musikalischen Darstellung eine zentrale Rolle einnehmen. Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt in der Erforschung der Wechselbeziehung zwischen unterschiedlichen kreativen Formen und Sprachen im musikalischen Kontext.

Weitere Informationen: http://ay-tones.hku.nl