60 Blätter für Streichtrio (1992), Heinz-Klaus Metzger gewidmet

Wörtlich zu nehmen ist der Werktitel dieser Komposition für Streichtrio: Die 60 unterschiedlich langen, skizzenartigen Abschnitte sind auf je einem Blatt notiert. Die 60 Blätter lassen sich in vier Gruppen zu je 15 Blättern unterteilen, die sich hauptsächlich durch die verwendete Bogenstrichtechnik unterscheiden: Zu Beginn dominiert der obertonreiche Klang der Stricharten col legno und sul ponticello, die zweite Gruppe zeichnet sich besonders durch Verwendung von Tremolo aus, ab Blatt 31 überwiegt der „normale“ und legato gestrichene Ton, und in der letzten Gruppe treten erstmals die obertonärmeren Klänge erzeugenden Flageolett- und sul tasto-Striche auf. Innerhalb einer Gruppe variieren vor allem Dauer und rhythmische Ausarbeitung der Blätter. Im Vordergrund steht der solistische, auch rhythmisch etwas freiere Vortrag der einzelnen Stimmen; rhythmisch exakte Ausführung wünscht der Komponist aber dort, wo die Stimmen rhythmisch zusammenfallen.

60 Blätter wurde mit dem Computerprogramm „Projekt 2“ komponiert, welches mehr Einzelheiten definiert und daher dem Komponisten weniger Interpretationsmöglichkeiten bietet als das kurze Zeit früher entstandene Vorgänger-Programm „Projekt 1“, mit dem z. B. Intermezzo (Segmente 85–91) oder Varianten 1 komponiert wurden. Während bei der Komposition mit „Projekt 1“ polyphone Strukturen nur mittels Akkordzerlegung erzeugt werden können, erlaubt „Projekt 2“ bis zu einem gewissen Grad polyphones Komponieren; so ergibt sich für 60 Blätter die Überlagerung von drei mehr oder weniger selbstständigen Schichten bzw. Stimmen, die in allen Parametern außer der Tonhöhe vordefiniert sind. Die von der Software generierten Schlüsse der Blätter wurden von Koenig kompositorisch umgestaltet.[1]

Das alle 60 Blätter verbindende Glied ist das (nicht prädeterminierte) Tonmaterial – eine Zwölftonreihe. Diese Reihe[2]  ist zwar „halbtonlastig“ (fünf von elf möglichen Intervallen sind kleine Sekunden), enthält aber bis auf den Ganzton bzw. die kleine Septime alle Intervalle der zwölfstufigen Oktave.

Die Abfolge der Töne ist grundsätzlich in allen Blättern dieselbe: auf die erste Reihe (auf c) folgt die auf den zweiten Ton der Reihe transponierte Reihe, darauf folgt die auf den dritten Ton der Reihe transponierte Reihe usw., d. h. je mehr Töne das Blatt umfasst, desto mehr Transpositionen derselben Reihe kommen vor – in unterschiedlich kombinierten, verschiedenartig instrumentierten und rhythmisch reichhaltigen Varianten. Gelegentlich wird die „korrekte“ Reihenfolge der Reihentöne vertauscht oder der ein oder andere Einzelton durch einen „reihenwidrigen“ Ton ersetzt; prominent tanzt aber nur Blatt 2 aus der Reihe: als einziges der 60 Blätter beginnt es nicht mit der „Grundreihe“ auf c sondern um eine Quart höher, setzt aber nach vier Tönen mit dem 5. Ton der „richtigen“ Reihe fort.

Die einzelnen Blätter – „Varianten von nicht eigens definierten Grundformen“[3] – dauern zwar ausgesprochen kurz (zwischen 4 und 17 Takten bzw. 11,5 und 36 Sekunden); die Gesamtdauer aller Blätter von etwa 30 Minuten ist für ein Streichtrio aber relativ umfangreich. Es ist vom Komponisten auch nicht unbedingt vorgesehen, dass alle 60 Blätter gespielt werden – sein Vorschlag ist, eine freie Auswahl von mindestens 15 Blättern in beliebiger Reihenfolge aufzuführen. Bei den heute dargebotenen Blättern handelt es sich um eine ausgewogene Zusammenstellung aus den verschiedenen Gruppen, die einen Einblick in die unterschiedlichen von „Projekt 2“ generierten Varianten geben soll.

Elisabeth Kappel (2011)

 


[1]     Email-Korrespondenz mit dem Komponisten (11. Oktober 2011).

[2]     Tonfolge c – dis/es – e – gis/as – a – d – cis/des – g – fis/ges – h – b/ais – f.

[3]     Email-Korrespondenz mit dem Komponisten (11. Oktober 2011).