Essay (1957/58)

Mitunter haben Gottfried Michael Koenigs Werke, indem sie danach trachten Möglichkeiten und Grenzen der Technologie und der Hörerfahrung berechneter Formprozesse auszuloten, experimentellen Charakter. Allerdings hat Koenig nie versucht, seine Werke diesbezüglich durch eine entsprechende Betitelung zu charakterisieren, die Titel verweisen zuweilen vielmehr auf deren Entstehungsgeschichte.[1]  Essay lässt sich demnach sowohl als „Versuch“ als auch als Auseinandersetzung mit einer Fragestellung verstehen.[2]

Diese kritische Diskussion baut Koenig in Essay auf der Idee auf, dem musikalischen Material elementare Gestalten zugrunde zu legen, welche auf Sinustönen, schmalbandigem Rauschen und schmalbandigen Impulsen basieren.[3]  Jene elementaren Gestalten unterzog Koenig in weiterer Folge wiederum systematischen Transformationen: Ringmodulation, Transposition, Filterung und Verhallung sowie Intensitätsverlauf. Faktisch entwickelte Koenig durch weitere Operationen bei der Arbeit an Essay acht Materialtypen. Er traf dabei die kompositorische Entscheidung, dass sich diese in einigen wenigen (seriellen) Parametern unterscheiden sollten; andere Parameter weisen dagegen für alle Materialtypen die gleichen Werte auf. Koenig gelingt es auf diese Weise durch Konstruktion und Kombination von variablen Klanggestalten im Stück Einheit zu schaffen: es entsteht Einheit aufgrund von Variabilität.[4]

Die ästhetische Fragestellung Koenigs eröffnet in Essay ein experimentelles Feld, welches durch die Gestaltung und Rezeption der Musik konkret verhandelt wird. Die Fragen dieser Ästhetik beziehen sich auf die Veränderbarkeit von Klanggestalten durch technische Prozesse sowie die möglichen Zusammenhänge zwischen musikalischen Vorstellungen und technischen Prozessen unter den besonderen Bedingungen des elektronischen Studios des WDR in Köln. Durch seine individuelle Vorgehensweise kommt Koenig zu eigenständigen ästhetischen Antworten. Diese gliedern sich wiederum in die allgemeine ästhetische Fragestellung der seriellen elektronischen Musik ein, die sich unter anderem damit beschäftigt, in wie weit sich musikalische Zusammenhänge durch ein System von Formeln beschreiben lassen, welches das Werk von der kleinsten Struktur bis zur Gesamtform beschreibt.

Die Systematik, die Koenig seinen Werken zugrunde legt, lässt sich somit auch als das Ergebnis einer konsequenten Forschung über mögliche Kompositionsmethoden im Kontext neuer Technologien betrachten.

Andreas Pirchner (2011)

 


[1]     Gottfried Michael Koenig (2001), Werktitel, in: Ästhetische Praxis. Texte zur Musik, Bd. 5 (Supplement II), hg. von Wolf Frobenius, S. 305.

[2]     Ein Essay ist eine Abhandlung, die eine literarische oder wissenschaftliche Frage in knapper und anspruchsvoller Form behandelt (Duden).

[3]     Elena Ungeheuer (2001), Komponieren im analogen Studio – eine historisch-systematische Betrachtung, in: Elektroakustische Musik, hg. von ders. (Handbuch der Musik im 20. Jahrhundert 5), S. 49.

[4]     Gottfried Michael Koenig (1964), Zusammenhängende Notizen zur elektronischen Musik, in: Ästhetische Praxis. Texte zur Musik, Bd. 2 (1962–1967), hg. von Wolf Frobenius, S. 282.