Intermezzo (Segmente 85–91) für Flöte(n), Klarinette(n) und Klavier (1987)

Ein Instrumentalstück – und zugleich eine Computer-Komposition – ist Koenigs Intermezzo (Segmente 85–91). Unter „Computer-Komposition“ versteht Koenig „die Ausführung von Regelsätzen mit Hilfe eines Computers zur Ausarbeitung musikalischer Zusammenhänge ohne explizite Definition des akustischen Darstellungsraums“.[1]  In diesem Fall wird die Computer-Komposition akustisch durch Musikinstrumente (bzw. die dazugehörigen MusikerInnen) realisiert. Komponiert wurde Intermezzo mit Hilfe des Computerprogramms „Projekt 1“, welches Koenig bereits 1964 entwickelte, um mit den zu jener Zeit vielfach diskutierten Kompositionsregeln der seriellen Musik zu experimentieren.[2]  Ausgangspunkt der Computer-Komposition ist ein konkretes kompositorisches Konzept des Komponisten; der Computer nimmt dem Komponisten die Rechenarbeit ab, indem sie nach seriellen Verfahren organisiertes Material in Form einer „Partiturtabelle“ generiert. Die Auswertung dieser Tabelle – die Verarbeitung zu einer Partitur für beliebige Instrumentierung – ist wiederum Aufgabe des Komponisten. In Koenigs Computer-Komposition nimmt der Computer während des Kompositionsprozesses also eine Hilfestellung ein und ermöglicht dem Komponisten, sich auf wesentliche Aspekte wie Idee und Ausformulierung der Komposition zu konzentrieren.

Die Partiturtabelle projiziert in unterschiedlichen Graden von Regelmäßigkeit bzw. Unregelmäßigkeit die durch den Komponisten vorstrukturierten Daten: Instrumente, Tempi, Einsatzabstände, (maximale) Akkordgrößen, Harmonik, Oktavlagen und Lautstärkebezeichnungen – lediglich die Spielweisen wurden von Koenig nicht prädeterminiert.[3]  Nach gründlicher Analyse „interpretiert“ der Komponist diese Daten – dabei werden die vom Computer hervorgebrachten Partiturtabellen vom Komponisten aber nicht ohne Weiteres akzeptiert, sondern auch „ohne Not verworfen“[4] , wenn das von ihm intendierte Konzept nicht erkennbar ist. Das Computerprogramm bestimmt unterschiedlich große Tongruppen, die als Akkorde gedacht sind, aber vom Komponisten in Einzeltöne zerlegt werden können (bzw. müssen, wenn etwa Melodieinstrumente verwendet werden). „Vorgegeben“ sind demnach nur die Abstände zwischen dem Beginn der jeweiligen Akkord- bzw. 

Tonfolgen, nicht jedoch die Dauern der einzelnen Töne, wodurch der Komponist Einfluss auf die Harmonik nehmen kann – welche er durch die im Vorhinein selbst gewählten Tonfolgen aber ohnehin bereits kontrollieren kann. Welches der Instrumente welche Tonfolge in welcher Lage und in welcher Lautstärke spielt, bestimmt ebenfalls (meistens) die Partiturtabelle. Eine „Interpretation“ des Komponisten ist z. B. die wechselnde Besetzung: im Laufe der sieben Abschnitte von Intermezzo werden die Anfangsinstrumente Bassflöte, Bassklarinette und Klavier (Segmente 85–87) teilweise gegen höhere Instrumente derselben Instrumentenfamilie ausgetauscht: die Bassflöte wird durch die Flöte und die Bassklarinette durch die Es-Klarinette ersetzt (Segmente 88 und 89 bzw. 90); der letzte Abschnitt (Segment 91) ist mit Pikkolo, Es-Klarinette und Klavier schließlich „höchstmöglich“ besetzt.

Der Werktitel Intermezzo (Segmente 85–91) verweist auf Koenigs um drei Jahre früher entstandene Komposition Segmente 85–91 für Flöte(n), Bassklarinette und Cello. Beiden Kompositionen liegt dasselbe „Material“, d. h. dieselbe Partiturtabelle zugrunde, jedoch unterscheidet sich Intermezzo von der früheren Komposition nicht nur durch die leicht veränderte Instrumentation (Klavier statt Cello und Erweiterung um Bassflöte und Es-Klarinette): für Intermezzo wurde die Tabelle neu interpretiert, unabhängig vom ersten Mal, aber im „gleichen Geist“.[5]

Lässt die komplexe Datenflut der Partiturtabelle zunächst wähnen, dass der Computer an die Stelle des Komponisten tritt, wird bei genauerem Hinsehen schnell deutlich, dass die wesentlichen Bestandteile dieser „Computer-Komposition“ – Harmonik, Rhythmus und Instrumentation – ausschließlich in der Hand des Komponisten liegen, der das Computer-Resultat zu einem spannenden Zusammenspiel dreier Instrumente „interpretiert“.

Elisabeth Kappel (2011)

 


[1]     Gottfried Michael Koenig, „Umgang mit Projekt 1“, in Neue Zeitschrift für Musik (1990), S. 3–8, 3.

[2]     http://www.koenigproject.nl/pr1a.htm.

[3]     Im von Koenig kurze Zeit später entworfenen Computerprogramm „Projekt 2“ liegen dem Kompositionsprozess mehr und genauer definierte Parameter zugrunde, siehe z. B. http://www.koenigproject.nl/pr2a.htm.

[4]     Koenig, „Umgang mit Projekt 1“, S. 8.

[5]     Email-Korrespondenz mit dem Komponisten (11. Oktober 2011).