Polychromie (2001)

Poly – griech.: „viel, vielfach, oft“ – Wortbildungselement mit der Bedeutung „viel, mehr, verschieden, oft“

Chrom – griech., lat.: „Farbe“

Polychromie ist ein Werk für acht Kanäle, dessen Konzeption in einer diskreten Strukturierung der einzelnen Kanäle resultiert. Jede Spur repräsentiert ein eigenständiges Klanggebilde, welches von den anderen Spuren unabhängig ist. Diese Vorgehensweise unterscheidet sich im hörbaren Resultat deutlich von beispielsweise einer Stereoanordnung, bei welcher die Korrelation von rechtem und linkem Kanal entscheidend zum Höreindruck eines Stereopanoramas beiträgt.[1]

Während die anderen elektronischen Kompositionen Koenigs entweder im Studio des Westdeutschen Rundfunks in Köln oder im Institut für Sonologie der Universität Utrecht produziert wurden, nimmt Polychromie insofern eine Sonderstellung ein, als es bisher das einzige Werk ist, das Koenig in Zusammenarbeit mit dem Studio Tazelaar, Rijswijk produzierte.[2]  Auch durch seinen Entstehungszeitpunkt unterscheidet sich Polychromie deutlich von den anderen elektronischen Werken Koenigs. Nachdem er in Köln mit Bandmaschinen und in Utrecht mit Spannungsgesteuerten Studiotechnologien zur Klangerzeugung gearbeitet hatte, wandte sich Koenig zwischenzeitlich verstärkt Fragen der instrumentalen Aufführung seiner Kompositionen zu. Polychromie stellt Koenigs erstes elektronische Stück nach zweiundzwanzig Jahren und gleichzeitig das erste dar, welches am Computer mit digitalen Mitteln realisiert wurde. Dennoch enthält das Stück zahlreiche Verweise auf die Klanglichkeit des klassischen Studios und fasst auf diese Weise die Geschichte der elektronischen Musik zusammen.[3] 

Besonders der Bezug des Titels zu Koenigs Werkreihe Funktionen (1967–1969) ist augenscheinlich. Bei dieser acht Werke umfassenden, ebenfalls zu Koenigs elektronischen Kompositionen zählenden Werkreihe ist jedes Werk einer Farbe gewidmet (z. B. Funktion Rot von 1968). Im Gegensatz zu dieser quasi monochromatischen Farbzuordnung werden in Polychromie unterschiedliche Farben in einem einzelnen Werk zu einer Vielfalt an Farben – einer Polychromie – vereint. Funktionen war das Resultat von Experimenten mit Apparaturen, die im Studio in Utrecht neu entwickelt wurden und die Klanggenerierung mittels Steuersignalen zuließen. Somit ließ sich das mit Steuersignalen bespielte Tonband bereits als eine Art „Programm“ zur Generierung von Klängen und Steuerung ihrer Parameter (wie Tonhöhe, Lautstärke oder Rhythmus) anwenden.[4]  In dieser Beschäftigung mit programmgesteuerten generativen Methoden zeigt sich die Verbindung zur für Polychromie entwickelten Software: nachdem Koenig sich zwischenzeitlich intensiv mit Computermusik (z.B. Projekt 1 sowie Projekt 2) auseinander gesetzt hatte und diese in Werke für traditionelles Instrumentarium (z.B. 60 Blätter) einfließen ließ, wandte er sich mit der hierbei gewonnenen Erfahrung in der Programmierung im Jahr 2001 mit Polychromie abermals der elektronisch realisierten Musik zu.

Andreas Pirchner (2011)

 


[1]     Folkmar Hein (2009), Lecture at the Institute of Sonology in The Hague, http://www2.ak.tu-berlin.de/Studio/Sonology-Wertevortrag-en.htm.

[2]     Neben der Produktion von Polychromie wurden im gleichen Studio auch einige digitale Rekonstruktionen früherer Werke Koenigs angefertigt (http://www.koenigproject.nl).

[3]     Björn Gottstein (2006), Gottfried Michael Koenig. Die Logik der Maschine, in: Musik als Ars Scientia. Die Edgar-Varèse-Gastprofessoren des DAAD an der TU Berlin, hg. von dems., S. 65–66.

[4]     Gottfried Michael Koenig (1967/69), Zu Funktionen, in: Ästhetische Praxis. Texte zur Musik, Bd. 3 (1968–1991), hg. von Wolf Frobenius, S. 20–21.