Varianten 1 für Klarinette, Streichtrio und Klavier (2011) – Uraufführung

„Ich mag variierende Formen, die um einen eindeutigen oder nur vermuteten Mittelpunkt kreisen.“[1]

In seiner Komposition Varianten 1 kreiert Koenig aus Klarinette, Streichtrio und Klavier ein Super-Instrument: Violine, Viola und Cello agieren grundsätzlich im Kollektiv – sie setzen auffallend oft gleichzeitig und gleichrhythmisch ein – weshalb sie als ein zusammen gehörendes Instrument („das Streichtrio“) zu verstehen sind. Klarinette, Streichtrio und Klavier setzen dagegen prinzipiell ergänzend zueinander, d. h. fast nie zur gleichen Zeit ein, was das Zusammenspiel für die InterpretInnen besonders herausfordernd gestaltet. Resultat der komplementären Einsätze ist eine – wegen der beiden akkordfähigen Instrumente Streichtrio und Klavier oft mehrstimmige und infolge nachklingender Töne „polyphonisierte“ – Meta-Melodie; die Wahrnehmung aller beteiligten Instrumente als Einheit wird durch den Verzicht auf klangverfremdende Spieltechniken noch verstärkt. 

Anders als etwa in der fast 20 Jahre früher entstandenen (zwölftönigen) Komposition 60 Blätter sind Tonwiederholungen in Varianten 1 nicht tabu, ganz im Gegenteil: Immer wieder im Laufe der Komposition tauchen beispielsweise „Dreitonfelder“ auf, in denen eine Dreitongruppe von allen Instrumenten gespielt wird, deren Töne in der Oktavlage und oft auch in der Reihenfolge variieren – die Instrumente interagieren also nicht nur auf rhythmischer Ebene, sondern reagieren auch auf „tonaler“ Ebene aufeinander.

Zuweilen sind auch einzelne Töne oder Intervalle in den Vordergrund gerückt, so z. B. zu Beginn des 1. oder gegen Ende des 2. Abschnittes, wo innerhalb kurzer Zeit derselbe Ton mehrmals in allen Instrumenten erscheint, oder etwa im 3. Abschnitt, wo vor allem in der Klarinettenstimme zwei Intervalle (Ganzton und Tritonus) besonders hervortreten.

Varianten 1 wurde wie auch z. B. Intermezzo (Segmente 85–91) mit Koenigs Computerprogramm „Projekt 1“ komponiert – natürlich mit unterschiedlichen Zielsetzungen und deshalb auch anderen Eingabedaten. So werden etwa in Intermezzo die Instrumente während der gesamten Komposition gleichmäßig in Anspruch genommen, wohingegen in Varianten 1 die Beteiligung der Instrumente am Formverlauf abschnittsweise abgestuft ist. In den zehn Abschnitten der Varianten 1 stehen die Instrumente abwechselnd im Vorder- bzw. Hintergrund des Satzes[2]: Im 2. und besonders im 3. Abschnitt soll die Klarinette, im 5. und besonders im 6. Abschnitt das Klavier, und im 8. und besonders im 9. Abschnitt das Streichtrio stärker solistisch hervortreten.

Elisabeth Kappel (2011)

 


[1]     Email-Korrespondenz mit dem Komponisten (11. Oktober 2011).

[2]     Ebd.