Herbert Brün: More Dust, op. 46

Die Komposition More Dust (1977) für Zwei- oder Vierkanal-Tonband ist Teil des Computermusikprojekts SAWDUST, das Herbert Brün von 1976-1981 betrieb. Arbeitsfeld und Ergebnis des Projekts stellen das Computerprogramm SAWDUST sowie die damit komponierten Werke dar. Insgesamt komponierte Brün im Zuge des Projekts sieben Stücke, wobei More Dust das

zweite der Serie darstellt. Bis auf More Dust with Percussion handelt es sich bei den Stücken des Projekts ausschließlich um Kompositionen für Tonband. Das von ihm selbst konzipierte Programm erlaubt es Brün, mit kleinsten Teilen von akustischen Wellenformen zu arbeiten, diese miteinander zu verbinden oder zu mischen. Wenn diese Verbindungen und Mischungen von Klang einmal erstellt sind, dann werden sie durch Wiederholung als Dauern oder durch unterschiedliche Abstufungen einer kontinuierlichen Veränderung als vergängliche Momente in Prozessen der Transformation gesehen.

In den Kompositionen, welche sich dieser Microsound-Technik (d.h. Verarbeitung von kleinen Teilen akustischer Wellen) bedienen, zeigen sich die konzeptionellen Unterschiede von Brüns Herangehensweise zu der von Iannis Xenakis. Während Brün unter Zuhilfenahme seiner Software Klangstrukturen und Variationen anfertigte, strebte Xenakis danach, automatisierte Musik durch ein Minimum an Regelwerk zu kreieren.1 Der Umstand, dass die SAWDUST-Software nicht dazu geeignet ist, eine riesige Menge an Variationen von Klangfarben zu erzeugen, ist eine Einschränkung, die Brün durch die Entwicklung der zugrundeliegenden Klangsynthesetechnik akzeptierte. Jedoch scheint das Hauptziel des Komponisten eher die Erfindung interessanter Strukturen und Formen gewesen zu sein, als neue, bisher nicht gehörte Klänge zu komponieren.

 

Andreas Pirchner

Herbert Brün: Stalks and Trees and Drops and Clouds, op. 37 no. 3

Herbert Brün war einer der Pioniere der Computermusik. Das Stück Stalks and Trees and Drops and Clouds (1967) ist die dritte jener drei Kompositionen für Solo Percussion, die im Jahr 1967 entstanden und denen jeweils eine eigens vom Komponisten angefertigte Software zugrundeliegt. Diese wurde in der Sprache Fortran verfasst, um in einer Zeit, in der Computer keineswegs Alltagsgegenstände darstellten, auf einem IBM des Typs 7094 ausgeführt zu werden. Die Ergebnisse des Programms stellen wiederum Anweisungen für einen Plotter dar, welcher sie in eine grafische Partitur umsetzt. Diese vermittelt dem Interpreten durch die Größe und Position ihrer Symbole bestimmte Spielanweisungen. Brün wählte für jede der drei Kompositionen ein Thema: Verbindungen (connections), Werkzeuge (tools) sowie beim vorliegenden Werk Klangfarben (timbres). Indem er die mit diesen Begriffen verbundenen Grundfragen, die sich Percussionisten bezüglich der Interpretation immer wieder stellen, thematisiert, versucht Brün eine Art Metaebene der Beziehung zwischen Komponist und Interpret einzuführen. 

Die vier Substantive des Werktitels Stalks and Trees and Drops and Clouds stellen für Brün zunächst die auf ein Minimum reduzierte Kurzform eines Gedichtes dar – gleichzeitig werden die Substantive durch Symbole in der geplotteten Computer-Partitur repräsentiert. 

Brün ordnet den Symbolen wiederum vier spezielle perkussive Klangtypen zu und bringt diese so auf experimentelle Weise in einen gemeinsamen Kontext: Klänge mit natürlichem Nachhall, Klänge, die ihrem Nachhall benommen wurden, Klänge ohne natürlichen Nachhall sowie Klänge mit künstlich erzeugtem Nachhall stehen nebeneinander. Um diese Klänge zu erreichen, verlangt der Komponist vom Interpreten ungewöhnliche Klangerzeuger wie Holzschlaginstrumente mit großem Nachhall und „trockenen“ Glockenklängen.

Basierend auf seinen bisherigen Erfahrungen mit der Komposition für Perkussion, in denen er sich den Gegebenheiten und Beschränkungen weitgehend gefügt hatte, hat Brün in dieses vorliegende Stück bewusst Widersprüchlichkeiten eingearbeitet und fordert so den Interpreten als kreativen Problemlöser. Dieses besondere Interesse wird im Vorwort des Stückes ausgedrückt, das Brün direkt an den Interpreten richtet und als eine Art persönlichen Brief an den Interpreten sieht, in welchem er mitteilt, was er mit der Musik meint. Auf diese Weise erzeugt er ein besonderes kreatives Spannungsfeld zwischen der „offenen“ grafischen Partitur und einer direkten verbalen Kommunikation mit dem Interpreten.

 

Andreas Pirchner

Herbert Brün: Biografie

Herbert Brün wurde 1918 in Berlin geboren. Er verließ Deutschland 1936 und emigrierte nach Palästina, wo er Klavier und Komposition am Konservatorium von Jerusalem sowie bei Stefan Wolpe, Eli Frieman und Frank Pelleg studierte. In den Jahren 1948 bis 1950 setzte er seine Studien an der Tanglewood und Columbia University fort. Von 1955 bis 1961 forschte er neben seiner Arbeit als Komponist in Paris, Köln und München über musikalische Elektroakustik. In dieser Zeit arbeitete er außerdem als Komponist und Dirigent am Theater, gab Vorlesungen und Seminare, die

sich unter anderem mit der gesellschaftlichen und politischen Relevanz von Komposition auseinandersetzten. Darüber hinaus erstellte er eine Serie von Radiofeatures zum Thema zeitgenössische Musik.

Nach einer Vorlesungsreise in den USA wurde Brün von Lejaren Hiller eingeladen, an der Universität von Illinois zu lehren. Dort setzte Brün seine Arbeit im elektronischen Studio fort und begann Forschungen zur Komposition mit Computern. Diese resultierten in Stücken für Tonband, Tonband und Instrumenten sowie Grafiken (einige davon zur Aufführung durch Interpreten). Er arbeitete am Biological Computer Laboratory für mehrere interdisziplinäre Lehrveranstaltungen in Heuristik und Kybernetik mit Heinz von Foerster zusammen.

Während er in den 1970-90er Jahren an der Universität von Illinois tätig war, nahm Brün gleichzeitig Einladungen und Gastprofessuren in der Herbert Brün (1918-2000) ganzen Welt wahr, insbesondere an der Ohio State University (1969/70), der Hochschule der Künste und der Technische Universität Berlin (Sommer 1978) und der Gesamthochschule Kassel (1989). 

Von 1980 an tourte und lehrte Brün mit dem Performers‘ Workshop Ensemble, einer von ihm gegründeten Gruppe. Seine Auszeichnungen und Ehrungen beinhalten unter anderem einen Ehrendoktor der Goethe Universität Frankfurt, den Preis der International Society of Bassists sowie die Norbert Wiener Medaille der American Society for Cybernetics. Er war im Jahr 1993 an der Gründung der School for Designing Society beteiligt und unterrichtete dort bis zu seinem Tod im Jahr 2000.

 

Andreas Pirchner