Luc Döbereiner: Methexis

In Methexis kommen verschiedene kompositorische Gedanken und Entwicklungen zusammen. So ist die Suche nach einem Verhältnis von Live-Elektronik und akustischem Instrument für die Form des Stücks wesentlich. Zu Anfang sind Schlagzeug und Live-Elektronik in einem gemeinsamen Klangsynthesesystem vereinigt, wenngleich sie von Anfang an in einem konstitutiven Prozess der Spaltung begriffen sind. Die Klangsynthesemethode, die dabei verwendet wird, ist von Iannis Xenakis‘ stochastischer Synthese abgeleitet und um die Integration eines physikalischen Modells erweitert. Das Schlagzeug versetzt das Klangsynthesemodell in Schwingung, welches dann wieder einige Instrumente des Schlagzeugs anregt. Im Laufe des Stücks führt die Spaltung dann zu einer Situation in der akustisches Instrument und Live-Elektronik weder vereinbar sind noch in einem Dritten aufgehen. Es ist also der Versuch, zu einer Zwei zu kommen, die weder Eins noch Drei wird. Daneben wird die Form des Stücks von einer Reihe von Situationen gebildet, welche gegenwärtige Möglichkeitsräume bestimmen. 

Neben den strukturellen Bewegungen innerhalb dieser Räume gibt es eine zweite Form von Veränderungen, die Veränderungen der Räume selbst, die zur Etablierung neuer Situationen führt. Ein besonders wesentlicher Bruch findet in der Mitte des Stücks statt. Hier entstehen neben der kontinuierlich gedachten ersten Hälfte diskret strukturierte Rhythmen.

Die zweite Hälfte ist dann eine Form von Spiegelung der ersten Hälfte, die nun unter der neuen Bedingung transformiert wird; denn nur durch diese Wiederholung können die Folgen des verändernden Bruchs zum Ausdruck kommen. Der Titel Methexis, also die Teilhabe eines konkreten Dings an der Idee, soll kein herabsteigendes Realisieren bezeichnen, sondern im Gegenteil so etwas wie eine materielle Produktion der Idee, die der Komposition nicht vorausgeht.

Luc Döbereiner: Biografie

Luc Döbereiner, 1984 geboren, aufgewachsen in Berlin, komponiert instrumentale und elektronische Musik. Er studierte am Institut für Sonologie (Den Haag) und am Institut für Elektronische Musik und Akustik (Graz). In seiner Arbeit beschäftigt er sich mit kompositorischen Modellen und erforscht das Verhältnis von Klang und Klangbeschreibungen. Seine Werke wurden u.a. von dem Ensemble Modelo62, dem Ensemble Vortex, Akane Takada, Jasper Vanpaemel, Martin Lorenz, dem Sond‘Ar-te Electric Ensemble und dem Ensemble unitedberlin aufgeführt. Seine elektronischen Werke wurden u.a. bei der ISEA 2010 (Ruhr), SuperCollider Symposium, Computing Music V (Köln) und auf dem GRM Acousmonium aufgeführt.

Döbereiner hielt Vorträge bei u.a. der Sound and Music Computing Conference (Berlin, Porto), next generation (ZKM, Karlsruhe), International Computer Music Conference und dem Nederlands Muziek Centrum (Amsterdam) und veröffentlichte kürzlich einen Artikel mit dem Titel „Models of Constructed Sound: Nonstandard Synthesis as an Aesthetic Perspective“ im Computer Music Journal. Er ist gegenwärtig Doktorand der künstlerischen Doktoratsschule der KUG. Er lebt in Berlin. 

www.doebereiner.org