Iannis Xenakis: Psappha

Psappha (1976) stellt eine für Xenakis fast typisch konsequente Partitur dar, eine rein rhythmische Komposition für Solo-Perkussion. Das Interesse des Komponisten kreist um den rhythmischen Aspekt der Klangereignisse und löst sich so von traditioneller Behandlung von Schlaginstrumenten: Es gibt nicht etwa eine sehr große Anzahl von Schlaginstumenten mit einer Vielzahl von Klangfarben, deren Kombination und Entwicklung den zentralen Aspekt der Kompositon darstellten. Es geht Xenakis in diesem Werk nicht mehr um die Möglichkeiten der Verbindung unterschiedlicher Klangfarben, sondern darum, durch ihre Unterschiedlichkeit die Trennung der Klangereignisse zu gewährleisten und so rhythmische Details wahrnehmbar zu machen. Es gibt keine vorgegebenen Tonhöhen, nur wenige dynamische Veränderungen sowie keine Klänge mit langem Nachklang.

Jede Note ist als Anschlag behandelt – die Länge der Note ergibt sich ausschließlich aus der Dauer bis zum nächsten Anschlag. Ebenso weist die Partitur keine Taktstriche auf, um dem Vortragenden nicht die Vorstellung eines traditioniellen Taktes zu suggerieren. Das Interesse des Komponisten liegt voll und ganz in der Behandlung der Zeit und ihrer Artikulation durch polyrhythmische Patternstrukturen. Xenakis lässt es dem Ausführenden offen, welche Schlaginstrumente für die Realisierung der Partitur zu verwenden sind. Er gibt lediglich an, dass es sich um neun Fell- und Holzinstrumente sowie sieben metallene Instrumente handeln muss. Eine Grundvoraussetzung für alle gewählten Instumente ist, dass ein einzelner Anschlag schnell verklingt, so dass jeder Anschlag als Einzelereignis wahrgenommen werden kann.

Der Titel Psappha verweist auf Sappho, die Lyrikerin der griechischen Antike sowie jene metrischen Unregelmäßigkeiten und Verschiebungen, die sie in ihrer Poesie einführte. Sie sind ein zentraler Aspekt Xenakis` Konzeption von Psappha – einerseits erreicht er sie durch systematische Organisation, andererseits durch die intuitive Manipulation des Materials. Er erforscht so die komplexen Möglichkeiten polyrhythmischer Strukturen und verweist gleichzeitig, indem er einen gemeinsamen Puls zugrunde legt, auf jene archaische, auch körperlich wirkende rhythmische Kraft der Tanzmusik, die bei Menschen aller Kulturkreise auf Resonanz zu stoßen scheint. Dies stellt eine Herausforderung an die Fertigkeit und Ausdauer des Perkussionisten dar, der diese komplexen Strukturen hervorbringen muss und gleichzeitig vor der interpretatorischen Aufgabe steht, mit Sorgfalt die passenden Instrumente für die Umsetzung der verschiedenen rhythmischen Ebenen von Psappha auszuwählen. 

 

Andreas Pirchner

Iannis Xenakis: S. 709

Während in der Wissenschaft das Interesse bei der Anwendung von Verfahrensweisen der Stochastik (Wahrscheinlichkeitsrechnung) in der Beschreibung von komplexen Zuständen oder Vorgängen liegt, ist es in der Kunst häufig der Wille zur Gestaltung komplexer Prozesse, welche diese mathematischen Verfahren für KünstlerInnen interessant macht. Das im Jahre 1992 entstandene S. 709 wurde unter Verwendung der Computer-Software GenDyn komponiert, die Xenakis am CEMAMu (Centre d‘Etudes de Mathématique et Automatique Musicales) in Paris entwickelte. Xenakis selbst erklärte, seine unter Verwendung von GenDyn erstellten Kompositionen seien „ähnlich einem Urknall“ aus der völligen Leere entstanden. Die Regeln, die Xenakis durch Algorithmen erstellt, um diesen stochastischen Urknall zu zähmen, erzeugen jedoch Spuren, die sich im klanglichen Ergebnis abbilden. GenDyn selbst ist ein Kompositionswerkzeug zur von Xenakis entwickelten dynamischen, stochastischen Klangsynthese. Es generiert die Wellenstruktur von Klängen basierend auf den Grundlagen der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Hierzu werden durch einen Algorithmus Fluktuationen innerhalb statistischer Wahrscheinlichkeiten genutzt, um auf der Basis der digitalen Repräsentation eines Klangs (Samples) neue Klangergebnisse zu generieren. Xenakis generiert so aus dem Verlauf eines Klanges die Komposition. Tonhöhe, Dauer, Klangfarbe und Hüllkurve sind dabei von Grundsätzen der Wahrscheinlichkeit abgeleitet. 

Die Entwicklung dieses Prinzips stellt einen wichtigen Schritt bei Xenakis‘ Forschungen zu einer „automatisierten Kunst“ dar, welche den kreativen Akt der Komposition in den abstrakteren Bereich der Konstruktion einer klanggenerierenden Automation verlagert. Die zentrale Idee der dynamischen stochastischen Klangsynthese ist die nichtlineare Formung der Klangwellen, die Funktion zu ihrer Formung wird zufallsgesteuert über die Zeit variiert. Daher ist es nicht die Ausgangswellenform als solche, die das klangliche Ergebnis definiert, sondern das dynamische Verhalten des Deformationsprozesses. Diese kontinuierliche Veränderung des Klangspektrums macht den besonderen Klang von S. 709 aus. Das klangliche Ergebnis stellt eine elektroakustische Komposition dar, welche das dynamische Zufallsverhalten als rein musikalische Information repräsentiert.

 

Andreas Pirchner

Iannis Xenakis: Biografie

Der Name Xenakis bedeutet auf deutsch etwa soviel wie „kleiner Fremdling“. Bemerkenswert ist, wie die persönlichen und weltpolitischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts Xenakis dazu veranlassten, seinen Platz in der Gesellschaft und der Kunst mehrfach kritisch zu betrachten und einer Revision zu unterziehen. Er gewinnt damit aus der Notwendigkeit, Altes hinter sich zu lassen und aus der Begeisterung für neue Ideen den Drang, sich dem künstlerisch Neuen zuzuwenden. Xenakis selbst sagt:

 

„Ich will keine Wurzeln haben. Natürlich hatte auch ich welche, auch ich war Einflüssen ausgesetzt, aber glücklicherweise gab es ihrer so viele, daß keiner sich als bestimmend erweisen konnte. […] Auf diese Weise gewann ich mir die Freiheit, ohne Wurzeln zu sein.“

 

Iannis Xenakis wurde im Jahr 1922 in der rumänischen Hafenstadt Braila geboren. Die Vorfahren Xenakis‘ stammten aus Kreta, er wurde als Teil der bürgerlichen Mittelschicht westlich erzogen und wurde mit zehn Jahren auf eine griechische Internatsschule in der Nähe von Athen gesandt. Als Griechenland im Zweiten Weltkrieg von deutschen Truppen besetzt wird, führt Xenakis sein Studium am Polytechnikum, das eine Konzession an den Willen des Vaters darstellt, zunächst fort, tritt jedoch etwa im Frühjahr 1942 der Kommunistischen Partei Griechenlands und den Widerstandstruppen in Athen bei. Nachdem sich die deutschen Truppen 1944 aus Griechenland absetzten, unterstützen die nun stationierten britischen Truppen das bürgerliche Lager des inzwischen zerissenen Landes. Iannis Xenakis wurde bei heftigen Gefechten am 1. Januar 1945 von einer britischen Granate im Gesicht lebensgefährlich verletzt. Nach dem Krieg wird Xenakis selbst in die Armee eingezogen. Als seine politische Identität droht erkannt zu werden, desertiert er um einer Einweisung in ein Straflager zu entgehen – in Abwesenheit wird er zum Tode verurteilt.

Nach seiner Flucht nach Paris wird Xenakis 1947 im Büro von Le Corbussier, einem der berühmtesten Architekten seiner Zeit, eingestellt, um statische Berechnungen durchzuführen – er war unter anderem am Entwurf des Phillips-Pavilions der Brüsseler Weltausstellung beteiligt. Auf Anraten Le Corbussiers wurde Xenakis wiederum bei Oliver Messiaen vorstellig, der sein musikalischer Lehrmeister werden sollte. So wurde Xenakis wie mehrere bedeutende Komponisten seiner Generation (Karlheinz Stockhausen oder Pierre Boulez) Schüler Oliver Messiaens, der ihn darin bestärkte, seine sehr individuelle Auffassung von Komposition weiterzuentwickeln. Die Uraufführung von Xenakis‘ Metastaseis bei den Donaueschinger Musiktagen brachte dann 1955 den internationalen Durchbruch.

Auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen bezieht Xenakis aus Naturwissenschaften und Mathematik Methoden und Inspiration für sein musikalisches Werk. So entzündet sich sein musikalischer Gestaltungsdrang etwa an Hilberts axiomatischem Denken, der Stochastik, der Gaußschen Verteilung, den Markow-Ketten, mathematischer Gruppen- Spiel- und Mengentheorie und der Booleschen Algebra. 1966 begründet er das Studio CEMAMu (Centre d‘Etudes de Mathématique et Automatique Musicales). Ab 1972 unterrichtete Xenakis an der Universität Paris. Neben zahlreichen Kompositionen verfasst Xenakis viele Essays und Analysen eigener und fremder Werke. Iannis Xenakis starb im Jahr 2001 in Paris.

 

Andreas Pirchner