Marko Ciciliani, Marcel Bühler: Heterotopolis

für Violine, Bariton Gitarre/Fretless Bass, modularen Synthesizer, digitale Klangsynthese, Live-Elektronik, Licht und Laserprojektionen

Die Höhle ist ein symbolisch aufgeladener Ort. Sie bot den frühesten menschlichen Kulturen Schutz, stellt den Schauplatz für Platons berühmte philosophische Betrachtungen dar und dient als Sinnbild des subversiven Widerstands im Untergrund. Im Projekt "Heterotopolis" erzeugen Marcel Bühler und Marko Ciciliani einen ästhetischen "Gegen-Ort", indem sie zwei besondere Phänomene der Kultur im Untergrund erforschen und auf künstlerische Weise verbinden, die innerhalb der Geschichte der Menschheit durch nicht weniger als 18.000 Jahre getrennt sind. Dabei handelt es sich einerseits um die Höhlen von Lascaux, die im südwestlichen Frankreich gelegen, viele der am besten erhaltenen steinzeitlichen Höhlenmalereien aufweisen und damit ein Beispiel für die frühesten Formen der Kunst geben. Andererseits handelt es sich um New Yorks U-Bahn-Tunnel, in denen sich eine verborgene Untergrundkultur entwickelt hat, die nicht nur hunderten Obdachlosen Zuflucht, sondern auch Kilometer von Galerieraum für Graffitis bietet. Diese beiden grundsätzlich verschiedenen Orte weisen dennoch auch einige gemeinsame Aspekte auf: der Überlebenswille, die Suche nach Schutz jenseits des Tageslichts, der Kampf um Macht und der künstlerische Ausdruck durch Mittel der Abstraktion von der Umwelt über der Erde. 

Das künstlerische Interesse vom Projekt "Heterotopolis" liegt nicht darin, eine primitive Kunstform oder die urbane Kultur der Straße zu imitieren. Es geht vielmehr darum, korrespondierende Elemente der New Yorker Untergrundbahn und Lascaux aufzuzeigen. Indem gleichsam in der steinzeitlichen wie in der urbanen Höhle geschürft wird, suchen Bühler und Ciciliani nach den Relationen, die durch das Verhältnis eines verborgenen parallelen Orts zu dem Leben an der Oberfläche begründet wird: das Verborgene und das Offene, das Private und das Öffentliche, das Intime und das Gemeinschaftliche. 

Eine passende Metapher für dieses Phänomen fanden die Künstler in Michel Foucaults Begriff der Heterotopie. Mit diesem Begriff beschreibt Foucault Orte, die ein Gegenbild zur alltäglichen Realität darstellen, dabei diese aber sowohl reflektieren, als auch überhaupt mit ermöglichen. So gibt er Gefängnisse als Beispiel an für eine Heterotopie, da dort Menschen versammelt werden, die mit einem herrschenden Ordnungsprinzip nicht vereinbar sind. Das Gefängnis ist also ein Negativbild der etablierten Ordnung, ermöglicht diese aber auch dadurch, dass die störenden Subjekte ferngehalten werden. Aber auch ein botanischer Garten ist eine Heterotopie, da sich dort Pflanzen aus entlegenen Orten der Welt finden, die auf natürliche Weise niemals in diesem Garten entstehen könnten. Botanische Gärten entstanden während der Zeit der Kolonialisierungen, als exotische Pflanzen von Expeditionen ‚nach Hause’ gebracht wurden. Auch in diesem Fall stellt der Garten die Spiegelung einer kulturellen Expansion dar, diente in dieser Funktion aber auch wissenschaftlichen Zwecken, was wiederum weiteren Expeditionen in Form von Fachwissen half.

Die Beschäftigung mit der Höhle von Lascaux und der Kultur der NY-Untergrundtunnel als Orte der Heterotopie, liess die Idee entstehen, auch die Konzertsituation als solche zu betrachten, sowohl in ihrer räumlichen Gestaltung als auch betreffend der inhaltlichen Umsetzung des Projekts. Das Publikum sitzt nach innen gerichtet in kreisförmiger Anordnung. Die MusikerInnen stehen auf drei Podien um das Publikum herum. In der Mitte dieses kreisförmigen Arrangements ist der Laserprojektor positioniert, der senkrecht nach oben auf einen über dem Publikum hängenden, aus drei unterschiedlichen Stoffschichten bestehenden Schirm projiziert. Halbkuppelförmig wölbt sich ein Lautsprechersystem über das Publikum, das ermöglicht, die Klänge mittels der Ambisonic Spatilisierungsmethode frei auf dieser Schale zu positionieren. Die ZuhörerInnen befinden sich also selbst in einer höhlenartigen Umgebung: unter dem Projektionsschirm und umzingelt von den Lautsprechern und den MusikerInnen.

Die Heterotopie beruht auf einer Distanz zur Realität, welche sie widerspiegelt. In der künstlerischen Umsetzung des Projekts findet solch eine Distanzierung auch mit der Verwendung des Lasers statt, wobei es hier um einen Farblaser geht, der auf eine Projektionsfläche aus drei jeweils ca. 30 cm voneinander entfernten Stoffschichten projiziert. Diese Stoffschichten sind zum Teil lichtdurchlässig, so dass sich die Lasergraphik gleich dreifach abbildet und damit eine Tiefendimension bekommt. Abgebildet werden Elemente, die aus dem natürlichen Umfeld einer Höhle kommen. Haptische und ‚schmutzige’ Erfahrungen werden somit auf ein klinisch reines Medium übertragen, das immer auch einen synthesischen Charakter hat. Die Widerprüchlichkeit, die sich zwischen Medium Laser und dem von Handarbeit geprägten Motiv auftut, bildet dabei den Interessenspunkt.

Auf musikalischer Ebene wird nicht unähnlich verfahren, allerdings steht hier mit Violine, Baritongitarre, Fretlessbass und sowohl analogen als auch digitalen Synthesemöglichkeiten gleich die ganze Palette zwischen natürlicher und künstlicher Klangerzeugung zur Verfügung. Die Dimension der Distanz kommt mit der Hinzunahme von Feldaufnahmen zustande, die zumeist als abstrakter Klang in der musikalischen Gesamttextur aufgehen und erst in genau platzierten Momenten so verwendet werden, dass sie ihre Mimetik voll entfalten und damit ein Fenster zum Klang der realen Welt öffnen, in Form von vorbei rennenden Büffelherden oder einer passierenden U-Bahn.

Andreas Pirchner