… die Heterotopie

Dann gibt es in unserer Zivilisation wie wohl in jeder Kultur auch reale, wirkliche, zum institutionellen Bereich der Gesellschaft gehörige Orte, die gleichsam Gegenorte darstellen, tatsächlich verwirklichte Utopien, in denen die realen Orte, all die anderen realen Orte, die man in der Kultur finden kann, zugleich repräsentiert, in Frage gestellt und ins Gegenteil verkehrt werden. Es sind gleichsam Orte, die außerhalb aller Orte liegen, obwohl sie sich durchaus lokalisieren lassen. Da diese Orte völlig anders sind als all die Orte, die sie spiegeln und von denen sie sprechen, werde ich sie im Gegensatz zu den Utopien als Heterotopien bezeichnen. Und ich glaube, dass es zwischen den Utopien und diesen völlig anderen Orten, den Heterotopien, eine gemeinsame, gemeinschaftliche Erfahrung gibt, für die der Spiegel steht. Denn der Spiegel ist eine Utopie, weil er ein Ort ohne Ort ist. Im Spiegel sehe ich mich dort, wo ich nicht bin, in einem irrealen Raum, der virtuell hinter der Oberfläche des Spiegels liegt. Ich bin, wo ich nicht bin, gleichsam ein Schatten, der mich erst sichtbar für mich selbst macht und der es mir erlaubt, mich dort zu betrachten, wo ich gar nicht bin: die Utopie des Spiegels. Aber zugleich handelt es sich um eine Heterotopie, insofern der Spiegel wirklich existiert und gewissermaßen eine Rückwirkung auf den Ort ausübt, an dem ich mich befinde. Durch den Spiegel entdecke ich, dass ich nicht an dem Ort bin, an dem ich bin, da ich mich dort drüben sehe. Durch diesen Blick, der gleichsam tief aus dem virtuellen Raum hinter dem Spiegel zu mir dringt, kehre ich zu mir selbst zurück, richte meinen Blick wieder auf mich selbst und sehe mich nun dort, wo ich bin. 

Der Spiegel funktioniert als Heterotopie, weil er den Ort, an dem ich bin, während ich mich im Spiegel betrachte, absolut real in Verbindung mit dem gesamten umgebenden Raum und zugleich absolut irreal wiedergibt, weil dieser Ort nur über den virtuellen Punkt jenseits des Spiegels wahrgenommen werden kann.

Textauszug aus Michel Foucault, "Von anderen Räumen" in ders.: Dits es Ecrits. Schriften in vier Bänden. Band 4: 1980 – 1988. © Éditions Gallimard 1994. © der deutschen Ausgabe Suhrkampverlag Frankfurt am Main 2005. Alle Rechte bei und vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.

 

… Lascaux

Die "Apsis" führt zur Öffnung des Schachtes, der einer der überraschendsten Teile der Höhle ist. Er enthält nur eine kleine Gruppe von Bildern, deren Ausführung nicht zu den gekonntesten der Höhle gehört, wohl aber zu den merkwürdigsten.

Es ist heute leicht, in die Grube hinabzusteigen. Am Ende der Apsis nämlich öffnet sich ein tiefes Loch, in das man über eine eiserne, am Felsen befestigte Leiter hinabsteigen kann. In der vorgeschichtlichen Zeit war dieser Abstieg, vermittels eines Seiles vielleicht wesentlich schwieriger. Man braucht indessen nicht bis auf den Grund des Schachtes zu gehen: eine schmale Plattform auf halber Höhe der Grube, etwa vier Meter unterhalb des Bodens der "Apsis" stellt uns (oberhalb der tiefen Höhlung, die sich links öffnet) einer Wand gegenüber, auf welcher auf der einen Seite ein Rhinozeros, auf der anderen ein Bison dargestellt sind, zwischen ihnen ein fallender Mensch mit Vogelkopf oberhalb eines Vogels auf einer Stange. 

Am Bison sträubt sich alles vor Wut; sein Schwanz ist aufgerichtet und seine Eingeweide entleeren sich in schweren Klumpen zwischen seinen Beinen. Unterhalb des Tieres ist der Spieß gezeichnet, der es verwundet. Der Mann ist nackt und ithyphallisch, er fällt, wie in einer Kinderzeichnung, der Länge nach um, als wäre er tödlich getroffen; seine Arme sind steif ausgestreckt und seine Hände, mit nur je vier Fingern, gespreizt.

Wir werden noch sehen, wie dieses prähistorische Rätsel die Erklärer fieberhaft beschäftigt hat: es führt ein neues Element in eine Kunst ein, die in ihrer Tiefe vielleicht dramatisch ist, es aber niemals ausdrückt. Ich werde später zwar auf die verschiedenen Hypothesen eingehen, kann ihnen aber nichts hinzufügen. Wir müssen also schon der Szene ihren rätselhaften Charakter belassen.

zitiert aus Georges Bataille: "Lascaux – oder die Geburt der Kunst", Genf: Editions d‘Art Albert Skira, 1955.

 

… die New Yorker Untergrundbahn

New York‘s subway lines wind through 731 sprawling miles of New York‘s five boroughs, in tunnels that burrow down to eighteen stories below ground at 191st Street and Broadway in Manhattan. These miles are divided among 23 lines and 466 stations. New York‘s subways constitute the largest urban railroad system in the world, with 6,100 cars that carry a quarter of a million pounds of flesh and blood each day – the "greatest moving mass of human tissue in the universe, apart from the planet earth," as Jim Dwyer wrote in Subway Lines. The eight-car trains move at up to forty miles an hour, and if you stand next to the tracks deep in the tunnels where they hit maximum speed, they take about ten ground-shaking, ear-shattering seconds to pass.

zitiert aus Jennifer Toth: "The Mole People”, Chicago: Chicago Review Press, 1993. Gedruckt mit freundlicher Genehmigung von Chicago Press Review.