TRANSIENCE (2008) für zwei Trios aus verschiedenen Traditionen und Echtzeitpartitur

Transience ist eines meiner radikalsten Comprovisations-Werke. Während ich in anderen Partituren verlange, dass Musiker meine erfundenen Traditionen lernen sollen, geht Transience den umgekehrten Weg: Hier sollen die zwei Musikergruppen sehr abstrakte Anweisungen immer nur im Spiegel ihrer Tradition lesen und interpretieren – dieselbe Notenfolge wird, von einem Jazzer verwirbelt, ganz anders klingen als von einem Barockmusiker orna-mentiert.

Die interaktive Partitur besteht aus verschiedenen Parameterlisten (z.B. Glissandokurve jeder Note, Hüllkurve jeder Phrase, Tongebung etc), die vom Computer zu immer neuen Notenseiten kombiniert werden.

Es gibt theoretisch über eine Quadrillion Seiten; die Mu-siker sehen also keine Seite jemals wieder. All diese Parameter müssen immer wieder neu interpretiert werden. Einer der wichtigsten Parameter ist dabei die Gestimmtheit und ein anderer der Grad an "Zusammenarbeit" mit der anderen Gruppe. Allerdings haben die beiden Gruppen nicht dieselbe Seite vor sich und interagieren miteinander nicht auf die-selbe Weise – wie eben im richtigen Leben.

In Transience führen unterschiedliche Interpretationen und Missverständnisse zu vielen strukturellen und kognitiven Dissonanzen. Kann daraus dennoch bewegende Musik ent-stehen – oder vielleicht gerade deshalb?

RIVES & DÉRIVES (2012) für vier Chöre und vier Echtzeit-Stimmhefte

Dieses Werk entstand ursprünglich als winterliche Hafensymphonie für Bordun-Instrumente (sieben klarerweise mikrotonal gegeneinander verstimmte Nebelhörner auf 7 Frachtschiffen, die im Montréaler Hafen eingefroren waren) und 25 Frauenstimmen. Jede Sängerin hatte einen Stapel von Partiturblättern in Postkartengrösse in der Hand und lief singend durch die Menschenmassen. Immer suchte sie sich als Referenzton eines der Ne-belhörner aus und sang dazu. Ihre Stimmen stiegen auch als Atemwolke in den eisklaren Himmel.

Für Graz benutzen wir dieselben graphischen Partiturbilder. Allerdings gibt es nun 4 Chöre, und die vierstimmige Reihenfolge der Bilder bestimmt der Computer nach einer verzweigten Matrix.

Wie in Transience gibt es also auch hier strukturelle Dissonanzen, aber dennoch fügen sich die sich ineinander verzweigenden Pfade der Stimmhefte immer wieder zu unver-hofften Harmonien zusammen.

NATIVE ALIEN (2009-2012) für Posaune, Echtzeitpartitur und improvisierende Computer

Native Alien ist eine Serie von Werken für Solisten und mehrere Computer-Improvisatoren, die wir auf der OMAX Software (entstanden am Pariser IRCAM Institut) aufbauend entwickel-ten. OMAX analysiert Musik wie einen ständigen Datenstrom und findet im Mikrose-kundenbereich einander ähnliche Klänge.

Dann spielt es diese Klänge wieder ab, kann aber jederzeit bei einander ähnlichen Klängen "springen" - aus dem vorigen Satz würde also etwas wie:

dannderab,kannähn-lich-en
a-berdannspieltesdie-seklänen"-aus

  Also: "dann aber ab, kann spielt es diese klänlichen aus…"

In der Sprache ergibt das Unsinn, aber in der Musik gelingen OMAX wundersame Wie-dergaben des ganz eigenen Spielstils eines improvisierenden Musikers – Melodien und Klangfolgen, bei denen man ihn/sie wiedererkennt, die aber in keiner Aufnahmesession vorgekommen sind: Musik, die ein Musiker hätte spielen können, aber nicht gespielt hat, ein intimes Portrait einer Klangsprache.

In Native Alien nutzen wir diese Porträts aber nicht nur, um die Solisten mit Echos ih-rer selbst zu umgeben, sondern wir haben quasi Zerrspiegel gebaut:

 

die Musik ist immer noch ihre, aber jetzt treibt sie ganz andere Klangblüten, wird polyphon oder geräuschig – je nach der dominanten Stimmung, die der Musiker hervorrufen will. Auch schlägt ihm das System Varianten seiner bisher gespielten Musik als Partitur vor – die fortwährende Variation Schönbergs wird hier Gestaltungsprinzip eines komprovisierenden kyberneti-schen Musikers, der sich vom Computer inspirieren lässt und damit dem Computer le-bendigen Atem einhaucht.