Gerriet K. Sharma
Raum-Klangkomposition

 

Ein Abend für und mit dem Raum

Im Rahmen des Konzertabends versuchen wir uns von mehreren Seiten dem Thema des Raums in seinen verschiedenen Bedeutungen als Teil der elektroakustischen Komposition anzunähern. Raum wird also als  Bestandteil der Komposition und nicht nur als physikalische Bedingung für das Erklingen oder notwendige Umhüllung des Klangs verstanden. Die Annäherung findet sowohl installativ mit der Arbeit lose enden als auch konzertant mit den Kompositionen grrawe, firniss, grafik unten für den Ikosaederlautsprecher und I_LAND für die Lautsprecherkuppel des Ligeti-Saals statt.

 

Skulptur als Hypothese

Während meiner Studien zur Raum-Klangkomposition in den letzten 10 Jahren, habe ich mich verstärkt mit der Entwicklung von Körper-Raum-Beziehungen in der Bildhauerei beschäftigt. Der körperlichen Masse steht der "unendliche" Raum gegenüber. Beide existieren in einem Verhältnis wechselseitiger Bezüge. Beobachtet man die hostorische Entwicklung der Skulptur ist zu beobachten, wie sich das Körpervolumen Schritt für Schritt dem Raum gegenüber öffnet, diesen zu erobern versucht und endlich fast in diesem auflöst. D.h. der Raum ist nicht nur Umraum und Hülle, sondern seit der Moderne auch ein aktiver Mitgestalter an der Skulptur. Diese Überlegungen habe ich als Vehikel im Umgang mit Technik und Material benutzt und sowohl bei I_LAND als auch grrawe versucht, in der Raum-Klangbeziehung umzusetzen.

Dabei habe ich mich an den fünf klassischen Körper-Raum Beziehungen, wie sie meist für die Skulptur benannt werden, orientiert:
Kernplastik/Körperplastik (raumverdrängend)
Öffnung des Massevolumens bei der Körperplastik (raumgreifend, raumeinbeziehend)
Kern-Schale-Prinzip (raumbildend)
Raumplastik (raumumfassend)
Raumzeichen (raumbindend)

 

Forschung als Spur im kompositorischen Prozess

Im Rahmen dieser Forschungen wollte ich bei firniss eine im Arbeitsprozess von grrawe immer wieder aufkommende weitere Frage verfolgen, ob Klang als Oberfläche im Raum komponierbar ist. Ob im CUBE des IEM und der Verwendung vom Ambisonics in Graz oder Wellenfeld-Synthese beim Fraunhoferinstitut in Ilmenau. Während der Arbeit im Lautsprecherfeld tauchten Oberflächen und Oberflächenstrukturen auf. Nur warum und wie, blieb häufig ein Rätsel.

Durch die Arbeit mit dem Ikosaederlautsprecher hatte ich die Möglichkeit, in Zusammenarbeit mit Franz Zotter und Matthias Frank diesem Fragenkomplex in den letzten Jahren in Form von künstlerisch-wissenschaftlichen Studien nachzugehen und letztlich in der Komposition eine Antwort zu formulieren. Der Komponist hat bei der Verwendung des Ikosaederlautsprechers Möglichkeit, aus einem Zentrum heraus Klänge sehr differenziert im Raum zu staffeln, bewegen, überlagern und mischen. Hierbei entstehen dreidimensionale elektroakustische Klangartefakte, die wir aus anderen Lautsprecheranordnungen (zum Besispiel der Lautsprecherkuppel des Ligeti-Saals) kennen, die aber als systematischer (reproduzierbarer und klassifizierbarer) Bestandteil im Rahmen von Kompositionen bisher wenig erforscht wurden. Durch die genauerer Erforschung des Systems "Ikosaederlautsprecher" sind sehr differenzierte Raum-Klangkompositionen mit skulpturalem Charakter möglich und an verschiedene Raumsituationen anpassbar. 





Komposition als Frage

Für die künstlerische Tätigkeit bedeutet dies gleichzeitig eine Thematisierung des medial vernetzten Menschen, bzw. dessen Wahrnehmung und die Beeinflussung und Veränderung seiner Wahrnehmung durch akustische Medien. Das künstlerische Angebot besteht darin, für den Moment der Begegnung in und mit der Raum-Klangkomposition eine andere sinnliche Weltbeschreibung in der Alltagswelt zu eröffnen.
Inhaltlich stellt sich in diesen vier Kompositionen immer wieder die Frage nach der Selbstverortung in dieser jeweiligen “Welt”. Wo ist der Komponist, wo ist der Hörer? Wer ist überhaupt der Komponist, und wann entsteht “Welt” bzw. entzieht sich diese dem Komponisten/Hörer wieder? Dürfen wir hier Hoffnungen haben?

 

Der IEM-Ikosaederlautsprecher

Der IEM Ikosaederlautsprecher gibt Klänge in rundum frei einstellbare Raumrichtungen ab. Damit zielt er zugleich auf die technische Umsetzung einer Qualitätsverbesserung für akustische Messungen und die Anwendung akustischer Holophonie zur Nachbildung natürlicher Schallerzeuger ab. Die klanglichen Voraussetzungen für den Einsatz des Ikosaederlautsprechers als technisches und musikalisches Instrument wurden erst während der Vorarbeiten von Gerriet K. Sharma und Franz Zotter an der Raum-Klangkomposition "grrawe" seit 2009 entwickelt. Im Rahmen der Zusammenarbeit wurde der Ikosaederlautsprecher durch die Anforderung einer sich ebenfalls in Entwicklung befindenden künstlerischen Arbeit getestet. Die Ergebnisse dieser „Befragungen“ sind wiederum sowohl in die Entwicklung der Komposition als auch des Lautsprechers/Instruments eingeflossen. Die Künstlerin oder der Künstler bildet sich hierbei mit einem systematischen Test einen Begriff, wie der Raum auf unterschiedliche Strahlrichtungen antwortet und wie sich die erhaltene klangliche und räumliche Wirkung künstlerisch einsetzen lässt. Einerseits wurde versucht, die Eigenschaften des Ikosaederlautsprechers hinsichtlich der Verräumlichung, Staffelung und Richtung von Klängen zu untersuchen und in einer Raum-Klankomposition zu realisieren, andererseits wurde schrittweise an den klanglichen Möglichkeiten und der Betriebsstabilität des Instruments gearbeitet. Die Idee, Schallquellen mit einstellbarer akustischer Abstrahlung in der elektroakustischen Musik einzusetzen, ist mit Ende der neunzehn-achziger Jahre in Paris von einer Forschungsgruppe am Ircam aufgeworfen worden. Dabei ist eine bekannte Konzeptstudie „La Timée“ gebaut worden, ein Oktaederlautsprecher mit vier getrennt anspielbaren Kanälen für die Erzeugung schwach gebündelter, frei steuerbarer Schallabstrahlrichtung (Olivier Warusfel, René Caussé). Im Jahre 2006 hat das Institut für Elektronische Musik der Kunstuniversität Graz intensiv begonnen, das Thema von einer technischen Seite mit viel Aufwand und Erfolg weiter zu treiben. Das Forschungsergebnis ist der zwanzig-kanalige Ikosaederlautsprecher, welcher mit seinen getrennt angesteuerten Lautsprechermembranen eine dreifach höhere Strahlenbündelung als die früheren Prototypen erreichen kann, und dies mit dem klanglichen Anspruch, auch Musikinstrumente in ihren tiefen Registern mitsamt ihrer Rundumabstrahlung klanglich korrekt und kräftig wiedergeben zu können (Franz Zotter, Alois Sontacchi, Robert Höldrich, Hannes Pomberger).