Ambisonische Raum-Klangkompositionen für den IEM-Ikosaederlautsprecher, (2009 - 2014)

 

grrawe


Seit einigen Jahren gab es dort nur einen Bewohner,

und auch der war nur

hin und wieder

dort.

(gefundener Satz)


Die Arbeit setzt sich mit der skulpturalen Präsenz von Klang im Raum und dem gegenüber tretenden Körper des Hörers unter Auslotung der klangformenden Eigenschaften des IEM-Ikosaederlautsprechers auseinander. Auf dem Weg zur fertigen Komposition (2009-2010) wurden studienartig Klangmaterialien und –strukturen unterschiedlicher Herkunft (z.B. Mikrofonaufnahmen, computergenerierte Klänge) untersucht, sowie verschiedene Projektionsverfahren (z.B. Stereo, VBAP, Ambisonics) erprobt.

Diese Verfahren wurden abhängig vom Material sukzessive auf ihre Unabhängigkeit bzw. Abhängigkeit vom jeweiligen Aufführungsraum (Studio, Kammermusiksaal, Konzertsaal, Garage) untersucht. Diese Untersuchungen dienten einzig dem Zweck, einen Schritt weiter zu gehen in Richtung „Musikalisches Gegenüber“, der Formbarkeit einer Präsenz eines plastischen Klanggebildes , das sich gestisch benimmt und verhält. (Zur Idee der Klangskulptur in meiner Arbeit finden sich Beschreibungen in: Oliver Wiener, Klangforschung in Musik Band 1, S. 68 ff, Kehrer Verlag 2012 sowie Elena Ungeheuer: Giacomettis Skulpturenwerk als Entwurf raumklanglicher Virtualität avant la lettre, S. 110ff, in Folkwang Studien, 40 Jahre elektroakustische Musik an Folkwang, Festschrift für Dirk Reith, Georg Olms Verlag 2012.)

 

firniss

Die Arbeit wurde durch das Atelier Klangforschung am Institut für Musikforschung der Universität Würzburgund das IEM Graz gefördert.

firniss ist das raum-kompositorische Gegenstück zu grrawe. Nachdem grrawe sich stark mit der Verdichtung von Klang zu skulpturalen Klangkörpern im Raum beschäftigt, wurde bei firniss versucht, Klangoberflächen zu komponieren, die durchlässiger, filigraner sind und als Verweise auf das Objekt dahinter erfahren werden können.

„grrawe lässt Fülle erfahren, firniss die dünne Haut eines Hohlkörpers.“

(Oliver Wiener in „Klangforschung in Musik Band 1“, S. 83, Kehrerverlag 2012)

 

 

grafik unten

Die Arbeit wurde durch das Atelier Klangforschung am Institut für Musikforschung der Universität Würzburg und das Zentrum für Kunst und Medien (ZKM), Karlsruhe gefördert.

Kein digitales Visualisierungswerkzeug und keine Partitur können darstellen oder vermitteln, was unsere Wahrnehmung beim Hören von dreidimensionalen Klangobjekten produziert. Grafische Notationen und Forminterpretationen sowie Visualisierungshilfen und -experimente, wie sie seit den frühen Tagen der elektronischen Musik gemacht wurden, haben dies immer wieder versucht. Und ob bei Stockhausens Studie 2 oder Ligetis Artikulation, aber auch Darstellungen in Spektrographen, Oszillogrammen oder Spektren sowie Amplituden-Raum-Zeiteintragungen in herkömmlichen DAWs und avancierten Spatialisierungssoftwares, allen visuellen Aufzeichnungen oder grafischen Übersetzungen, ob vor oder nach Entstehung des Werks entstanden, hängt eine Autorität an, die das Auditive überlagert oder zumindest zu überlagern droht. Das Visuelle hat die Deutungshoheit und dies nicht nur in der Computermusik.

Für die elektroakustische Raum-Klangkomposition, wie sie gerade in den letzten 10 Jahren durch die Weiterentwicklung der Projektionsverfahren möglich wurde, ist das ein kritisches, auflösendes Moment. Denn hier entsteht „etwas“ im und mit dem Raum und wird über die Ohren als präsent und plastisch zugleich „begriffen“. Die Visualisierung aber deutet nicht nur um, sie stellt sich vor den Höreindruck. Nicht nur, dass wir anders wahrnehmen, das Angebot von Welt ist ein völlig anderes. Um diese bekannte aber häufig „übersehene“ Situation zu untersuchen, geht grafik unten den umgekehrten Weg und fragt kritisch in sieben Formteilen, ob man spatiale Klangobjekte komponieren kann, die das Ohr im Raum (und der Zeit) so leiten, als ob wir (hinein-)sähen. Was hieße also „sehen mit den Ohren?“ Gibt es auch ein auditives Starren? Und was ist dann der Ohrenblick?


 

 

I_LAND

Ambisonische Raum-Klangkomposition für Lautsprecherkuppel (2007-2009)

Die Arbeit wurde durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) gefördert.



Es gibt Wünsche und Begehrungen,
die so wenig dem Zustande unseres irdischen Lebens angemessen sind,
dass wir sicher auf einen Zustand schließen können,
wo sie zu mächtigen Schwingen werden,
auf ein Element,
das sie heben wird,
auf Inseln,
wo sie sich niederlassen können.
Novalis


***

 Seekarten sind voller Geisterinseln -
viele Inseln,
die Kartographen heute noch einzeichnen,
versanken längst im Meer –
oder
es gab sie nie.

Aus: Die Zeit online, im Mai 2013

***

 
Über einen Zeitraum von drei Jahren habe ich versucht, eine eigenständige Form der elektroakustischen Raum-Klangkomposition in ambisonischen Projektionsumgebungen zu entwickeln. Die Ausgangsbedingung war, nicht einfach nur ein technisches Setup für eine weitere elektronische Komposition zu (be-)nutzen, sondern die künstlerisch interessanten Eigenheiten, gestischen Möglichkeiten und Artefakte des Ambisonischen systematisch zu erforschen, um diese künstlerisch ausschöpfen zu können. Meine These ist, dass diese Art der 3D-Klangprojektion eben beides sein kann: Konkrete apparative Klangprojektionstechnik und zeitgleich utopisches Konstrukt, das den Komponisten in die Lage versetzt, Klangobjekte herzustellen und in Verhältnisse zu setzen, die zwar nur in dieser speziellen Umgebung existieren, aber auf Formen und Zustände außerhalb der physischen Begrenzungen und medialen Konstellationen deuten und verweisen können. Während ich mich mit den technischen Voraussetzungen auseinandergesetzt habe, beschäftigte mich das Phänomen der Insel. Das Artefaktische, die omnipräsente und individuell ausfüllbare Leerstelle, der Verdacht, dass Gesellschaften ohne Inseln nicht sein können und doch so gegensätzliche Positionen mit diesen verknüpfen, haben mich zunehmend interessiert und zeitweise auf eine Irrfahrt geschickt, eine von der Medientechnik zunächst unabhängige Recherchereise, die eine unerwartete Eigendynamik entwickelte.

 

 

lose enden

Audiovisuelle Komposition 2010/12 (installiert am 11.11.2014 auf der Studiobühne des MUMUTH)

Die Arbeit wurde durch den Pact Zollverein Essen gefördert.



"Ich bin blind, und die Musik ist meine kleine Antigone,

die mir helfen wird,

das Unglaubliche zu sehen.”  

JEAN-LUC GODARD


|Übertrag|
lose enden überträgt physische Bewegungsgesten akustisch skulptural auf den Raum. Durch das Auseinanderfallen, genauer durch die inszenierte Inkongruenz von auditiver und visueller Information wird eine physische Gesamterfahrung möglich, die schemenhafte, dreidimensionale Hör-Eindrücke hinterlässt.

|Material|
Über einen Zeitraum von 3 Monaten wurde mit den klanglichen Eigenschaften von 20 Isolierfolien (Leuna Rettungsdecken) experimentiert. Hierzu wurden zunächst verschiedene  Gesten bestimmt wie Wickeln, Reißen, Stoßen, Knoten, Werfen, Verschieben, Knüllen etc. , die dann händisch in Serien wiederholt, variiert und akustisch aufgezeichnet worden sind. Diese Gruppen von akustischen Gesten wurden dann im Rahmen ihrer klanglichen Eigen¬schaften im Computer verändert und komponiert, ohne die Herkunft (Gruppe) des Klangs zu verwischen. Diese Miniatur-Klangkompositionen wie auch die verwendeten Decken waren das Ausgangsmaterial für die audiovisuelle Komposition, die dann während einer Residenz im PACT Zollverein Essen im Frühjahr 2011 entwickelt worden ist. Die Spatialisierungssoftware wurde von Gerhard Eckel und David Pirrò geschrieben.




 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(Ab) wann sprechen wir von Inseln? Wo und wann tauchen diese auf und verschwinden wieder, was ist eine insulare Situation, was ist ein Inselklang? Ist (k-)ein Mensch eine Insel? Die recherchierten und am jeweiligen Aufzeichnungsort erarbeiteten (historischen, literarischen, mythologischen, geographischen, etc.) Deutungen und Konstellationen waren sowohl für die inhaltliche als auch die formelle Auseinandersetzung innerhalb der späteren Komposition mitbestimmend. Dementsprechend habe ich auf dem Weg zur fertigen Raum-Klangskulptur mit den recherchierten insularen Modellen gearbeitet, an die ich auf Raum, Klang und Zeit bezogene kompositorische Fragen angehängt habe und deren mögliche Antworten formal und inhaltlich nun die Gestalt von I_LAND bestimmen. Die Arbeit wurde nach der Premiere am 7. April 2009 im CUBE des IEM Graz als binaurale CD mit Box produziert. Das binaurale Rendering wurde durch Martin Rumori ermöglicht. Nach verschiedenen Vorführungen auf Festivals und im Ausstellungskontext wurde die Komposition Dank der Übertragungsarbeit von Thomas Musil im Frühjahr 2014 im Klangdom des ZKM Karlsruhe eingerichtet und ist seit dem Teil des dortigen Repertoires. Bei den Internationalen Darmstädter Ferienkursen 2014 war das Stück zum ersten Mal in einer überarbeiteten Version für die mobile IEM-Ambisonics-Kuppel (Mamba) zu hören. Im April 2014 wurden zusammen mit Thomas Musil zwei Versionen für verschiedene Lautsprecheranordnungen im Ligeti-Saal der KUG erstellt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

|Installation|
Ein Cluster aus 8 Genelec 8020 Lautsprechern wird auf einer Fläche von 9 x 7 Metern positioniert. Die Lautsprecher liegen z.T. auf dem Rücken, auf der Seite oder stehen in der ursprünglich vorgesehenen Weise. Die Folien werden auf dieser Fläche über den Lautspre¬chern ausgelegt. Hierbei entsteht eine Topographie, geprägt durch die Positionen der Lautsprecher und die verschiedenen Knicke und Faltungen der Decken, die durch die unterschiedlichen Bear¬beitungsvorgänge in das Material eingeschrieben und dort erstarrt sind. Die Fläche kann an allen Seiten vom Publikum erreicht und umschritten aber nicht betreten werden. Im Verlauf des Probenprozesses wurden die verschiedenen Grundgesten auf den Raum übertragen und zwar durch ein Abspielen in den Raum über die nicht sichtbaren Lautsprecher. Hierbei wurden die Miniaturkompositionen für verschiedene Lautsprecher bzw. Kanäle und ihre Kombinationsmöglichkeiten arrangiert. Dies ermöglicht die Bewe¬gung und Verschränkung der Klänge im Raum. Durch die verschiedenen Möglichkeiten der Ausrichtung, das Bespielen über oben und unten und die Geschwindigkeit der Klangabfolgen, den Rhythmus und die Färbung durch die Folien kann der Klang plastisch im Raum modelliert werden. D.h. die Vergangenheit des erstarrten Materials wird akustisch physisch gegenwärtig. Hierdurch entsteht ein Spannungsverhältnis zwischen auditiver und visueller Wahrnehmung. Während akustisch der Raum (Resonanz)  - und in ihm die ur¬sprünglichen Gesten mit ihren Variationen - aktiv und in Bewegung ist, liegen, am Boden befestigt, die Decken und legen nur aufgrund ihrer Zeichnungen Zeugnis ihrer „bewegten“ Geschichte ab. Während das Ohr aufgrund der Spatialisierung der Klänge den Raum durchwandert (mitten auf dem Feld, leicht versetzt vom Zentrum, gleichzeitig durch die entstehenden Phantomquellen an den Wänden und an der Decke über Kopf, dann wieder in allen Ecken...) tastet das Auge das Folienfeld ab und wird keinerlei Aktivitäten gewahr. Dieser Abstand erzeugt den eigentlichen Raum, in dem die Wahrnehmung des Besuchers die Gesten projizieren kann.