Algorithmische Komposition?

„Algorithmische Komposition“, der Begriff klingt doch irgendwie wie „Malen nach Zahlen“ – nur eben mit musikalischen Mitteln. Wenn wir außerdem noch „Algorithmen“ mit komplexen mathematischen Operationen in Verbindung bringen, scheint sich vor allem im musikalischen Diskurs eine Unvereinbarkeit mit der Vorstellung eines vorrangig intuitiv geleiteten Schaffensprozesses zu ergeben.  Hier das „Errechnete“, dort das „Erfühlte“ – Formalisierung und Intuition als polare Gegensätze im musikalischen Universum.

Der (zugegeben eingeschränkte) Blick auf unsere abendländische Musiktradition eröffnet uns zwar in Gestalt von Kanon, isorhythmischer Motette, Reihentechnik, Serialität und dergleichen mehr zahlreiche Ansätze eines formalisierenden musikalischen Denkens, aber jetzt auch noch Algorithmen – ist das wirklich notwendig?

Bei Algorithmen denken wir gerne an Computerprogramme, die auf Knopfdruck Lösungen für komplexe mathematische Aufgabenstellungen produzieren. Hier mag der Algorithmus sicher seine Berechtigung haben, wir können uns auch Anwendungen für die musikalische Analyse vorstellen, aber Algorithmen in der Komposition?

Eine Möglichkeit sich einer Definition der Algorithmischen Komposition zu nähern besteht darin, zunächst die Aufmerksamkeit auf den Begriff „Algorithmus“ selbst zu richten und sich einige grundlegende Definitionen vor Augen zu führen:

„[Algorithm:] A systematic procedure that produces – in a finite number of steps – the answer to a question or the solution of a problem.“

„[Algorithm:] ... (especially computing) a set of rules that must be followed when solving a particular problem.“

„Ein Algorithmus ist eine präzise, d. h. in einer festgelegten Sprache abgefasste, endliche Beschreibung eines allgemeinen Verfahrens unter Verwendung ausführbarer elementarer Schritte.“

Algorithmen lassen sich aus den oben gegebenen Definitionen und Bedingungen somit auch sehr einfach als formalisierbare und abstrahierende Verfahren beschreiben, die Lösungen für bestimmte Aufgabenstellungen liefern. Sollte es sich hier im Speziellen um musikalische Aufgabenstellungen handeln, dann befassen wir uns mit Algorithmischer Komposition. Unter dem Gesichtspunkt dieser einfachen Definition erschließt sich uns ein weites Anwendungsgebiet, das aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden kann, wie musikalische Gattungen, denen algorithmische Verfahren inhärent sind oder die Herangehensweisen von KomponistInnen, die mit algorithmischen Prinzipien arbeiten. Eine weitere Möglichkeit besteht in der Untersuchung verschiedener algorithmischer Prinzipien, die für musikalische Strukturgenese verwendet werden. Angefangen bei einfachen Mappingstrategien (Abbildungsmöglichkeiten unterschiedlicher Daten auf musikalische Parameter), wie sie schon von Guido von Arezzo für die „automatische“ Vertonung von Textpassagen in seinem Micrologus de disciplina artis musicae (um 1025) konzipiert wurden, über aleatorische, serielle, kombinatorische Prinzipien, bis hin zu aktuellen computergestützten Verfahren der künstlichen Intelligenz ergibt sich ein breites Spektrum an möglichen Anwendungen.

Zugegeben: Algorithmen im Bereich der musikalischen Komposition können sehr komplex sein, aber eben auch sehr „einfach“. Komplexität und Einfachheit etablieren aber auch im Bereich der Algorithmischen Komposition keine Qualitätskriterien, sondern bestenfalls unterschiedliche Erscheinungsformen von guter und schlechter Musik. Die Entscheidung über die Art der Anwendung algorithmischer Prinzipien verbleibt aber schlussendlich in der künstlerischen Verantwortung der Komponistin / des Komponisten; oder anders formuliert: Rezepte allein sind zu wenig, man muss auch kochen können. 

 Gerhard Nierhaus (2010)