Das erweiterte Instrument

Die Aufführung eines Werkes unter Verwendung elektronischer Instrumente wird gemeinhin als Live-Elektronik bezeichnet. Dieser Begriff hat sich historisch als Komplement zur Arbeit im elektronischen Studio entwickelt und unterstreicht die konzertante Darbietung und Interpretation des Werkes. Die Komposition von elektronischer Musik im Studio und deren darauffolgende Fixierung auf einem Tonträger ermöglicht einen großen Einfluss auf das klangliche Resultat. Hierbei kann Musik zum Klingen gebracht werden, die aufgrund komplexer Produktionstechniken unter keinen Umständen instrumental gespielt werden kann. Die Frage, wann Tonbandmusik denn eigentlich für die Zuhörer geboren wird, verhält sich dabei wie Erwin Schrödingers Katze in seinem berühmten Gedankenexperiment zur Quantenmechanik: Solange eine Kiste ungeöffnet bleibt, die eine Katze und einen Mechanismus enthält, der das Tier mit 50% Wahrscheinlichkeit tötet, befindet sich dieses gleichermaßen in Schwebe zwischen den beiden möglichen Zuständen. Ähnliches lässt sich auch über Tonbandmusik sagen, welche erst durch das Hörbarmachen des fixierten Materials entsteht. Ihre Aufführung über Lautsprecher im Konzert umgeht dabei viele Probleme der Niederschrift musikalischer Intentionen in Notentext und klammert unzulängliche Interpretationen im Instrumentalspiel weitgehend aus.

Kompositionen mit Live-Elektronik beschreiten den Weg einer Mischform und sind der Aufführungssituation akustischer Musik näher positioniert. Durch das Zusammenspiel von akustischen und elektronischen Instrumenten kann die Live-Elektronik in einer bekannten Konzertsituation erfahrbar werden. Die zeitliche Struktur, die bei der Tonbandmusik starr vorgegeben ist, wird den SpielerInnen wieder zurück in die Hand gegeben. Dies erfordert die übliche Koordination unter den MusikerInnen und führt zu einer variablen Gestalt des Werkes in der Darbietung. Kleinste unbewusste Variationen etwa der Dauer einer Fermate oder der Stärke eines Fortissimo führen zu unterschiedlichsten emotionalen Erfahrungen für die Zuhörenden wie auch für die Spieler selbst. In der Aufführung derartiger Werke schließen sich Komposition und Interpretation nicht gegenseitig aus, sondern sie bedingen sich.

Neben der Rolle als Ensembleinstrument kommt der Live-Elektronik durch die ihr gegebene Möglichkeit zur Beeinflussung akustischer Instrumente eine Sonderstellung zu. Das elektronische Instrumentarium, welches aus verschiedenen Bausteinen der Studiotechnik und der Signalverarbeitung gebildet wird, ist gleichermaßen Klangerzeuger wie auch Klangformer. Durch die modulare Zusammensetzung der Geräte wird diese Eigenschaft explizit sichtbar, sie ist aber den meisten Instrumenten gegeben.

Ein Streichinstrument etwa lässt sich in einen klanganregenden Teil – die Bewegung der Saite durch die Bogenhaare – sowie in einen klangformenden Teil – die Beeinflussung der angeregten Schwingungen durch Finger und Resonanzkörper – trennen. Gleiches gilt für die menschliche Stimme: auch hier ist eine Unterteilung in Klangerzeuger (Stimmlippen) und klangformenden Filter (Vokaltrakt) möglich. Beim Musizieren mit Live-Elektronik macht die Klangformung nun nicht bei den Abmessungen des Instrumentes Halt, sondern wird ganz entschieden erweitert. Dieses wird meist durch Mikrophone, Zusammenschaltungen verschiedener Geräte und Lautsprecher ermöglicht. Dabei kann die Rolle der Transformation sogar von einem eigenen Spieler ausgeführt werden und das erweiterte akustische Instrument wird gleichsam im Tandem gespielt. Der Einfluss der Klangformung auf die Wahrnehmung des akustischen Instrumentes reicht hierbei von fast unmerklichen Schattierungen bis zur gänzlich neuen Gestaltung des Klanges. Ein neues Element kommt hierbei mit der Klangspeicherung dazu. Hiermit kann die Aufnahme einzelner Phrasen und die darauffolgende Wiedergabe im selben Musikstück, oft in transformierter Form, realisiert werden. Diese Art der Gegenüberstellung des akustischen Instrumentes mit seinem elektronischen Spiegelbild kann zu einem musikalischen Dialog gestaltet werden, ja sogar die weitere Form der Komposition bestimmen, etwa indem bereits gespieltes Material zu einem späteren Zeitpunkt das musikalische Gerüst des Werkes bestimmt. Die Transformation als Instrument wie auch als Parameter kann somit komponiert und mittels Live-Elektronik gespielt werden. Da einer der Gründe für die Faszination elektronischer Musik in neuartigen Klängen, Transformationen und musikalischen Formen liegt, verweigern sich manche Methoden der Nachvollziehbarkeit durch die Zuhörer. Die Verschmelzung von akustischen und elektronischen Instrumenten bietet dem Publikum jedoch die Möglichkeit, das visuelle Erleben einer Performance und die eigene Hörerfahrung als Ausgangs- sowie Anhaltspunkt für die Rezeption verschiedener Werke heranzuziehen.

 

Peter Plessas, bis 2009 Studium Toningenieur an der Kunstuniversität sowie Technischen Universität Graz. Er war 2010 künstlerisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter des IEM. Entwicklung und Aufführung von Werken mit Live-Elektronik, sowie Vermittlung der damit verbundenen Aufführungspraxis und Techniken.